Kultur

Liebesakt auf fleischfarbenen Dessous: Guntram Brattia und Sophie von Kessel übernehmen fast alle zehn Rollen des Stücks. (Foto: Thomas Dashuber)

26.10.2012

Massenkarambolage erotisierter Geisterfahrer

Arthur Schnitzlers "Reigen" im Münchner Marstall

Also nein, diese jungen Theatermacher von heute! Da lässt man sie in England studieren, damit sie von dort als Diplom-Regisseure zurückkehren, und schon inszenieren sie unsere guten alten Skandalstücke als wären es knallharte Schocker von Sarah Kane selig. So macht es zumindest Patrick Steinwidder.
In seinem Regie-Debüt am Münchner Residenztheater (Marstall) brachte der talentierte Österreicher Arthur Schnitzlers Reigen als eisig-verschwitzten Alptraum auf die Bühne. Als leicht psychotische Zerfleischungs-Orgie mit Lustmördern und Sado-Maso-Grafen, die so zwar nicht im K.u.K.-Frivolitäten-Kabinett des Dr. Schnitzler vorkommen, aber doch ganz gut hineinpassen. Zumindest wenn man diese tänzerische Folge intimer Begegnungen in eine Massenkarambolage sexueller Geisterfahrer verwandelt. Als Unfallort fungiert dementsprechend eine beklemmend enge Guckkastenbühne (Bob Bailey/Anneliese Neudecker), die wie eine Kreuzung aus Schlachthof und Altkleidersammlung wirkt: zwischen derben Kunststofflamellen-Vorhängen waten die Akteure barfuß durch meterdicken Humus aus fleischfarbenen Dessous.
Der „Liebesakt“, den Schnitzler nur durch Gedankenstriche andeutet, ist in diesem kalten Hier und Heute immer eine sichtbare brutale Gewalttat: zu nervenzerfetzenden Klängen und grellen Stroboskop-Blitzen sieht man die Paare sich würgen, wälzen, ersäufen, ehe sie nach diesen vollbrachten Nahkampf-Nummern mehr erschöpft als befriedigt auseinandergehen. Denn während Schnitzler der bürgerlichen Gesellschaft eine melancholisch-realistische Diagnose ihrer Liebes-Lügen stellte, ist „der Sex“ in der kapitalistischen Konkurrenz-Arena längst zum seelenlosen Herrschaftsritual mutiert, zum Körpergestammel pathologischer Gefühlskrüppel.
Aber so plakativ Steinwidder uns diese Botschaft aufs Brot schmiert, so beachtlich ist sein Mut zur radikalen Zuspitzung. Zumal er bei näherem Hinsehen trotz aller Forciertheit auf feinere Nuancen nicht verzichtet. Guntram Brattia und vor allem Sophie von Kessel, die fast sämtliche zehn Rollen des Stücks spielen, kontrastieren den knallig-harten Grundton der Inszenierung durch psychologischen Realismus. Je nach Klassenzugehörigkeit ihrer Figuren ändern sie subtil deren Habitus, gerieren sich proletarisch, bürgerlich oder als leicht hysterische, koksende Kunst-Stars. Ein echtes Ereignis ist Anne Stein, die als „Süßes Mädel“ mit abgründiger Komik die verführerisch-niedliche Lolita gibt und so bewusst jenes wienerische Schlagobers-Aroma herbeizitiert, das die Inszenierung dem Text sonst weitgehend ausgetrieben hat.
Bei all dem geschieht etwas Merkwürdiges: Die illusionslose Entblößung gängiger Sexualromantik, der kulturkritische, fast katholisch anmutende Fingerzeig auf die animalische Deformation der Intimität mutiert zur distanzierten Feier des Dionysischen, die den archetypischen Entgrenzungs-Furor als Naturgewalt und Faszinosum zelebriert. Dass dieses bemerkenswerte Debüt einen Wettkampf der Buh- und Bravo-Rufer auslöste, darf den Regisseur stolz machen. (Alexander Altmann)

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