Kultur

In dieser Gouache zeigt Picasso den Menschen hinter der Maske des Spaßmachers. (Fotos: Stadtmuseum)

05.08.2011

Meister der Reduktion

Ausstellung im Stadtmuseum Lindau zeigt Originalzeichnungen von Pablo Picasso

Kann man mit Minimalem etwas Maximales entstehen lassen? Auf die bildende Kunst bezogen: Ist es möglich, mit wenigen Strichen beeindruckende Konturen und Dimensionen oder intensive Stimmungen auf aufs Papier zu zaubern? Antworten auf solche Fragen gibt die Ausstellung Pablo Picasso – Meisterzeichnungen eines Jahrhundertgenies im Stadtmuseum Lindau, die über 50 Originalzeichnungen von Pablo Picasso (1881 bis 1973) präsentiert.
Nach dem Ausstellungsrundgang kann man eindeutig sagen: Ja, es ist möglich, mit sehr geringen Mitteln verzauberndes Großes zu schaffen – wenn man über Fähigkeiten verfügt, wie sie der begnadete spanische Künstler gehabt hat. Faszinierend, wie diese Reduktion den Blick auf das Wesentliche freigibt.
Da schaut der Betrachter beispielsweise auf die nebeneinander gehängten Werke Stehender Mann (Gaukler) und Der Bettler: Beides Zeichnungen, in denen der Künstler keinen Strich zu viel setzt, keinen überflüssigen Schnörkel bemüht. Minimalistische Kunst in Reinform. Man kann eine halbe Ewigkeit vor diesen Werken verbringen und immer wieder neue Stimmungen fühlen, eine Melancholie spüren, Zusammenhänge erahnen. Die Augen tasten über Picassos Arbeiten, sondieren – und irgendwann ertappt man sich dabei, wie man in Gedanken selbst Hand anlegen und weiterzeichnen möchte. Der Gaukler und der Bettler: Beide sind nur mit wenigen Strichen umrissen – und doch brechen zwei völlig unterschiedliche Welten auf: Hier das Selbstbewusstsein, der Stolz über eigenes Können, ein muskulöser Körper, der Zuversicht und Gradlinigkeit ausstrahlt. Dort die Hoffnungslosigkeit, materielle und ideelle Armut, ein Mensch ohne Halt und Rückgrat.
Ein weiteres Beispiel für diese intensive Anziehungskraft ist das nur leicht kolorierte Bildnis eines Harlekins (1916). Es ist der Blick eines müden, traurigen Berufskomikers, der doch eigentlich mit seinen Tollheiten andere zum Lachen bringen soll. In dieser Gouache aber tritt der Mensch hinter der Maske zum Vorschein.
Es ist vor allem diese schier unfassbare Souveränität Picassos im Erfassen von Proportionen, die es ihm erlaubt, trotz minimaler Mittel ein Höchstmaß an Ausdruckskraft in seinen Arbeiten zu erreichen.
Was die Ausstellung in Lindau ebenfalls dokumentiert: Der spanische Maler wurde mit seinem außergewöhnlichen Talent schon in jungen Jahren beschenkt. So beginnt die chronologisch konzipierte Ausstellung mit der Bleistift-/Kohle-Zeichnung einer antiken Skulptur, die dem 13-jährigen Pablo gelang und die so akribisch angefertigt ist, dass man beim Entstehungsjahr zweimal hinschauen muss.
Viele der ausgestellten Originalzeichnungen sind in Privatbesitz und in Lindau zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Zum Beispiel eine Zeichnung, die Pablo Picassos Vater zeigt. Kurator Roland Doschka ist vor allem daran gelegen, Picassos persönliche Entwicklung aufzuzeigen, was unter anderem die chronologische Konzeption erklärt. „Mit jeder neuen Frau hat Picasso seinen Stil geändert“, so Doschka. Und so endet die Ausstellung mit jenen Arbeiten, denen sich Picasso besonders gerne zuwandte: mit perspektivisch raffinierten Akten von Frauen (und Männern), angefertigt in seinen letzten Lebensjahren in Südfrankreich. Und auch hier verfährt Picasso nach dem Prinzip: minimalistisch arbeiten, um den Betrachtern Maximales an Fantasie zu entlocken. (Freddy Schissler)

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