Kultur

Das irische Ensemble eX provoziert erfrischend. (Foto: Tage Alter Musik)

17.06.2011

Melancholisch, frivol und provozierend

Die Tage Alter Musik in Regensburg boomen

Der Markt für die historischen Instrumente befindet sich im Salzstadel an der Donau, der Markt für die Alte Musik ist in acht Kirchen und Sälen. Wer immer bei beiden Themen auf dem Laufenden sein will, musste zu Pfingsten in Regensburg das Angebot sichten: Die Tage Alter Musik sind in dieser Dichte und Internationalität führend – und auch dieses Jahr mit 7000 verkauften Karten für 14 Konzerte ein Publikumsrenner.
Kaum ist das traditionelle Eröffnungskonzert mit den Regensburger Domspatzen vorbei, geht es Schlag auf Schlag ohne Rücksicht auf Wirbelsäule und Sitzfleisch, „Karte gesucht“-Wünsche sind chancenlos. Wer vorbestellt hat, jubelt über die Entdeckung des echten und imitierten Hirtenlebens in der Musik des 17./18. Jahrhunderts und der französischen „Musiciens de Saint-Julien“ unter François Lazarevitch.
Die Musette steht im Mittelpunkt. Das ist ein kleiner Dudelsack, schon in den Balletten des Sonnenkönigs verwendet und ein Modeinstrument für die falschen Schäfer. Bei den „Musiciens“ bedient sie der Chef selbst, es gibt Theorbe und Drehleier dazu für diese künstliche Ländlichkeit. Olga Pitarch singt zwitschernd und zuckersüß von Nachtigallen und Veilchen, von großer Liebe und kleinen Dingen des Alltags, geschwinde plappern die Flöten von Lazarevitch in pastoralen Szenerien, die Texte sind von zweideutiger Anzüglichkeit, die Musik stammt aus vergessenen Handschriften oder von den berühmten Rebels und Rameaus.

Blanke Faust

Diesen szenischen Gestus Alter Musik nahm das „Ensemble eX“ aus Irland wörtlich: bei einer Aufführung von Bachs Kantate Christ lag in Todesbanden. Mit Kreuz und Kerzenlicht ließ sich das mit Bachs Vorgängern und Vorbildern Schein oder Schütz in szenischer Kargheit und durchsichtiger Leichtigkeit des Tons noch so an, als würde Robert Wilson die Musiker zu edlem Schreiten anhalten.
Dann aber lassen bei Bach die Tänzer die Hosen runter: (Fast) nackt und bloß hängt Christus am bunten Kreuz des Lebensbaums und wird alsbald als letztes Abendmahl à la carte serviert. Wenn die Solisten singen: „Hier ist das rechte Osterlamm“, wird der Leichnam angerichtet, ordentlich gesalzen, gepfeffert, und der Küchenchef schneidet die besten Lendenstücke auf. Drumherum schwofen die kurzberockten Bunnys, gibt Gevatter Tod als barocke Zutat den Ton an. Am Ende reckt das ganze Ensemble die blanke Faust ins Publikum. Das revanchiert sich mit dem erwartbaren Buhsturm der Provozierten. Das hat es bei den „Tagen“ noch nie gegeben: erfrischend.

Originelle Pointen

Schon deshalb, weil Alte Musik oft genug zum retrospektiven, konservativ-kontemplativen Refugium wird. Zum Beispiel beim durchaus Maßstäbe setzenden Abend mit dem niederländischen „Harmony of Nations Baroque Orchestra“ unter der Leitung des Oboisten Alfredo Bernardini und mit den Caractères de la Danse von Jean-Féry Rebel. Den spielt das Harmony-Orchestra mit der Klangkultur seiner Oboen, seinen samtenen Streichern und viel Sinn für originelle Pointen (auch bei Purcell): nie ruppig, eher preziös, in satter Klanggrundierung und eleganter Beredtheit – ein polyglottes Potpourri. Nach Telemanns Sommeille-Satz war der eigentliche Höhepunkt des Konzerts aber das Zugaben-Kabinettstück von Telemanns Hornpipe aus der B-Dur-Ouverture.
Viel interessanter war die Entdeckung von Telemann und seinen Beziehungen zur Zigeunermusik tags darauf: eine neue Programmidee des ursprünglich deutschen, jetzt kanadischen Ensemble Caprice und seines Leiters Matthias Maute. Telemann gab während seiner Zeit in Polen selbst zu: Von den „Bockpfeiffern oder Geigern“ könne man „in acht Tagen Gedancken für ein ganzes Leben erschnappen“. Und so gruppiert Maute Zigeunermusik von anonymer Hand zu passendem Telemann. Beides trifft sich im Melancholischen wie im Stürmischen bestens. Caprice spielt fetzig oder triefend vor Gefühl, meisterhaft und mitreißend, Maute mit Flöten im fliegenden Wechsel. Und Telemanns „gemischter Geschmack“ wird bereichert durch den „Zigeunerstil“, er selbst zum veritablen Zigeuner im Presto seiner Grillensymphonie.
Das Publikum war schon hier wie aus dem Häuschen, dabei war bei den Tagen Alter Musik erst mit seiner szenischen Aufführung von Monteverdis Il Ritorno d’Ulisse in Patria von La Venexiana wirklich Schluss. (Uwe Mitsching)

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