Kultur

NS-Raubkunst: Ja oder nein? Zwei Jahre lang analysierten Experten den "Schwabinger Kunstfund", darunter fand sich auch die Auguste Rodin-Skulptur "Kauernde Frau". (Foto: dpa)

22.12.2015

Miese Bilanz

Zwei Jahre durchforstete eine Taskforce den "Schatz" von Kunsthändler Gurlitt: Nur eine Handvoll ist NS-Raubkunst

Als Cornelius Gurlitt bestimmte, dass seine Kunstschätze nach seinem Tod an das Kunstmuseum Bern gehen sollten, war er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Das geht aus einem medizinischen Gutachten hervor, dessen Ergebnis das Oberlandesgericht (OLG) München am heutigen Dienstag in München bekanntgab. Danach war Gurlitt an dem Tag, an dem er das Testament verfasste, testierfähig.

Gurlitts Cousine Uta Werner hatte die seine Zurechnungsfähigkeit in Zweifel und focht das Testament an. Nach einer Niederlage vor dem Amtsgericht München legte sie Rechtsmittel ein. Die Prozessbeteiligten haben nun bis zum 1. Februar Zeit, sich zum 146 Seiten langenGutachten zu äußern. Wann das Gericht über die Rechtmäßigkeit des Testaments entscheidet, ist noch unklar.

Der spektakuläre Schwabinger Bilderfund hatte die Kunstwelt 2013 in Atem gehalten. Damals wurde bekannt, dass bereits 2012 rund 1280 Kunstwerke in Gurlitts Münchner Wohnung von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden waren. Zwei Jahre später tauchten weitere 238 Gemälde in seinem verwahrlosten Haus in Salzburg auf. Bei Hunderten davon bestand Verdacht auf Nazi-Raubkunst. Eine Taskforce sollte die Herkunft der Bilder klären.

Jetzt steht das hochkarätige internationale Expertengremium vor seiner Auflösung - und vor einem Debakel, wie manche Kritiker meinen. Bei gerade mal fünf von rund 500 raubkunstverdächtigen Werken ließ sich klar Nazi-Unrecht nachweisen: nach zweijähriger Arbeit und 1,7 Millionen Euro Fördergeldern eine Aufklärungsquote von einem Prozent.

"Eine Blamage", befinden Grüne und Linke. Und vor allem die Opfer sind enttäuscht. Die Taskforce habe die Aufklärung nicht genügend vorangetrieben und damit die Rückgabe von Raubkunst - anders als von den Überlebenden der Shoah und ihren Erben erwartet - nicht zügig erledigt, kritisiert Ruediger Mahlo von der jüdischen Opfervertretung Claims Conference in Deutschland.

Mitte Januar will die Taskforce offiziell ihren Abschlussbericht vorlegen. Zu jedem der 499 zweifelhaften Werke, seit Ende 2013 auf der Datenbank Lost Art (www.lostart.de) eingestellt, sollen die bis dahin gesicherten Ergebnisse zusammengefasst werden.

Schon vor der Abschlussbilanz warnte Taskforce-Chefin Ingeborg Berggreen-Merkel bei Anhörungen im Bundestag und im Bayerischen Landtag vor allzu großen Hoffnungen. "Bei einer ganzen Reihe von Werken wird sich die Herkunft wegen fehlender Quellen wohl nicht mehr lückenlos klären lassen", sagte sie.

Wer ist - neben der schwierigen Quellenlage - verantwortlich für die magere Bilanz? Die Verantwortlichen halten sich mit öffentlichen Schuldzuweisungen auffallend zurück. Fest steht aber, dass viele der nationalen und internationalen Experten gar nicht selbst Provenienzforscher waren, sondern sich allenfalls als Vermittler oder Netzwerker einschalten konnten.

Zudem gab es angesichts der riesigen Datenmengen Reibungsverluste bei der internen Kommunikation. Und auch die Zuordnung zu dem Anfang 2015 gegründeten Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg hat nach Einschätzung von Insidern wertvolle Zeit gekostet.

Im neuen Jahr soll die Arbeit nach dem Willen von Staatsministerin Grütters nun in einem neuen Projekt unter dem Dach des Magdeburger Zentrums weitergeführt werden. Deutschland steht dabei unter besonderer Beobachtung. Denn international gilt der Umgang mit dem Gurlitt-Erbe als ein Signal, wie sich Deutschland heute dem dunkelsten Kapitel seiner Vergangenheit stellt.
"Natürlich müssen wir die Ergebnisse der Taskforce erst abwarten", sagt Prof. Uwe M. Schneede, Stiftungsvorstand des Magdeburger Zentrums. "Aber unser Ziel ist in jedem Fall, schneller und transparenter zu arbeiten. Wir wollen aus Fehlern lernen." (BSZ)

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