Kultur

Anja Harteros und Jonas Kaufmann als Maddalena und Chénier. (Foto: Wilfried Hösl)

17.03.2017

Mitfühlende Geste

Jonas Kaufmann wird als "Andrea Chénier" kollegial von Anja Harteros unterstützt

Philipp Stölzl ist vor allem als Filmregisseur (Der Medicus) bekannt, er hat für Rammstein und Madonna Musikvideos gedreht. Zuletzt hatte der gebürtige Münchner eine Neuverfilmung von Karl Mays Winnetou vorgelegt. Und jetzt inszenierte Stölzl für die Bayerische Staatsoper den veristischen Vierakter Andrea Chénier von Umberto Giordano. Es ist die erste Produktion dieser Oper am Münchner Nationaltheater. An der Isar hatte bislang nur das Gärtnerplatz-Theater das Werk inszeniert.

Es geht um den Dichter Chénier, der in der französischen Revolution unter dem Fallbeil endete.
Stölzl hat sich für die Historisierung entschieden. Nach dem Baukasten-Prinzip entwirft er verschiedene Guckkästen, die das Spiel auf mehreren Ebenen ermöglichen. Im ersten Akt feiert der reiche Adel oben seine dekadenten Feste, während unten das arme Fußvolk schuftet. Schon im zweiten Akt kehren sich die Verhältnisse um: Oben herrschen die Revolutionäre – unten in den Kerkern wartet der Adel auf die Exekution.
Das passt durchaus zur Musik, denn: Barocke Hoftänze stoßen auf Revolutionsgesänge und veristische Psychologisierung.

Hinderliches Bühnenbild

Allerdings behindern die „Baukästen“ das Spiel auf der Bühne: Sie werden unaufhörlich hin- und hergeschoben, engen die Solisten sträflich ein. Der szenischen Darstellung wird kaum Raum geschenkt.

Darunter leiden auch Jonas Kaufmann in der Titelpartie und Anja Harteros als Chéniers adelige Geliebte Maddalena di Coigny. Ihre sonst so einnehmende Bühnenpräsenz kann sich nicht ganz entfalten.

Dabei wurde gerade Kaufmanns Auftritt mit größter Spannung erwartet. Seit Herbst musste der Star-Tenor aus München wegen eines Hämatoms auf den Stimmbändern pausieren. Leider lief Kaufmanns „Comeback“ bei der Premiere nicht ganz rund. Zwar ist er nicht „verbraucht“ (eben kein zweiter Rolando Villazón), aber nach der langen Zwangspause muss er sich mental erst wieder freisingen. In München sang er ungewohnt gehemmt, mit „angezogener Handbremse“. Selbst im finalen Duett mit Anja Harteros, in dem Chénier und Maddalena vor der Hinrichtung ihre Liebe beschwören, blieb Kaufmann recht matt und im Piano brüchig.
Es war vor allem Anja Harteros zu verdanken, dass bleibende Hörmomente geschenkt wurden. Sie passte sich dem dunklen, baritonalen Timbre und der Dynamik von Kaufmann an. Mit zutiefst berührender Empathie ging sie merklich auf ihn ein: eine nobel und edel mitfühlende, kollegiale Geste.

Keine Lehren fürs Heute

Zudem brachte Anja Harteros auch dem Dirigenten Omer Meir Wellber viel Kulanz entgegen. Unter der Leitung des 35-Jährigen hatte das Bayerische Staatsorchester mitunter hörbar Mühe, ein konzises Profil aus der komplexen, vielschichtigen Partitur herauszuarbeiten.

Eine herausragende Leistung gelang indessen Luca Salsi als Carlo Gérard: Der Diener wird Revolutionär. Weil er ebenfalls Maddalena begehrt, verrät er Chénier an die Henker des Terrorregimes von Robespierre. Salsis sonorer, wohlnuancierter Bariton überzeugt auch klangdramaturgisch. Dagegen machen die dunklen Timbres von Kaufmann und Harteros den jugendlichen „Sturm und Drang“ ihrer Partien nur bedingt hörbar. Ein stärkerer Kontrast zwischen den Timbres hätte der Personenführung durchaus geholfen.

Ein Problem in Stölzls Regie aber bleibt: Aus den Abgründen der Geschichte zieht er keine Lehre für das Heute, weil er nicht deutet. (Marco Frei)

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Kommentare (2)

  1. Opernfan am 17.03.2017
    Das ist die bisher beste Kritik, ich war am 15.03. live dabei. Wann wird den Regisseuren endlich mal klar gemacht, dass sie weit hinter Allem angesiedelt sind . Ich plädiere für konzertante Aufführungen. Für mich ist so ein selbstverliebter Regisseur so überflüssig wie ein Kropf.
  2. Sycorax am 18.03.2017
    Ohne diesen völlig überflüssigen und in diesem Zusammenhang unqualifizierten Seitenhieb auf Rolando Villazon wäre es eine überdenkenswerte Kritik gewesen.

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