Kultur

Ernst Barlachs streng dreinblickender Engel des Modells zum Güstrower Ehrenmal von 1927. (Foto: Ausstellung)

31.12.2010

Mittler zwischen Himmel und Erde

Große Engel-Ausstellung im Freisinger Diözesanmuseum

Ganz am Schluss stößt man doch noch auf den Engel Aloisius. Dieser „Münchner im Himmel“, der mit den geflügelten Worten „Luja sog i“ die englische Pflicht des Frohlockens und Hosianna-Singens doch etwas eigenwillig interpretierte, findet sich im Kuriositätenkabinett der Engel-Ausstellung des Freisinger Diözesanmuseums. Und letztlich offenbaren auch solche Karikaturen, was die Schau insgesamt deutlich macht: dass Engelsbilder immer das Menschenbild ihrer Zeit spiegeln.
Zuerst aber wandert der Blick des Besuchers nach oben: Wer die Ausstellung betritt, sieht über sich ein Ballett aus barocken Putten und Blasengerln schweben. Als Mittler zwischen Himmel und Erde werden Engel in der bisher größten Schau des Diözesanmuseums nämlich vorgestellt.
Dabei beginnt alles ganz unchristlich mit den Vorläufern der Engel in antiker und frühgeschichtlicher Zeit. Hier sind auf griechischen Vasen Bilder der geflügelten Siegesgöttin Nike zu bewundern, Siegelsteine und Kameen, die man durch Lupen betrachten muss, zeigen geflügelte Eroten und Sphingen, während die ältesten Exponate aus Ägypten stammen, wo die geflügelte Uräus-Schlange Seraph auch in der Benennung den Seraphim vorausgeht.
Die Abwehr- und Schutzfunktion solcher Flügelwesen überträgt sich ebenfalls auf die christliche Engelsvorstellung, in der Flügel zudem die Freiheit von jeder Erdenschwere symbolisieren.
Das folgende Ausstellungskapitel klärt dann über die verschiedenen „Dienste“ von Engeln auf, die als Boten (griechisch „angelos“), als Beschützer oder als göttlicher „Hofstaat“ fungieren. Gelegentlich verkörpern sie auch die Erscheinung Gottes auf Erden, wie in dem Bild Abraham bewirtet die Engel des Rembrandt-Schülers Arent de Gelder, das durch seine effektvolle Hell-Dunkel-Dramatik fasziniert.
Aber so lehrreich das alles sein mag – „vom Engel angefasst“ wird man dann doch nur vor den wenigen künstlerisch erstrangigen Werken, die in der Fülle der 550 Exponate herausragen. So wie die Blätter aus Albrecht Dürers Holzschnittfolge der Apokalypse, wo der Nürnberger Meister mit kraftvoll-expressiven Linien Engel gestaltet, die wie knorrige Himmelsgewächse wirken. Ein weiterer ästhetischer Höhepunkt ist Ignaz Günthers geschraubte Schutzengel-Figur (aus der Münchner Bürgersaal-Kirche), die bei aller materiellen Präsenz verblüffend körperlos wirkt.


Im Kuriositätenkabinett


Eher spärlich fällt hingegen die künstlerische Engel-Ausbeute im 19. und 20. Jahrhundert aus. Fritz von Uhdes Engel im Atelier, der mit seiner impressionistischen Malweise zwischen sinnlicher Diesseitigkeit und ätherischem Licht-Flirren changiert, sowie ein Entwurf Ernst Barlachs zur berühmten flügellosen Engelsplastik des „Schwebenden“ im Güstrower Dom scheinen hier noch am ehesten bemerkenswert.
Seine allzu irdische Natur wird den Besucher schließlich gleichwohl in das erwähnte Kuriositätenkabinett treiben. Dort ist alltäglicher Engelskitsch der Gegenwart versammelt, von der Seife in Engerl-Form über den Quietschenten-Engel bis zum blauen Umwelt-Engel oder der Body-Lotion mit aufgedruckten Raffael-Engelsköpfen. Zumindest in diesem Teil der Ausstellung bewahrheitet sich also, was Rilke in die berühmten Verse fasste: „Jeder Engel ist schrecklich.“ (Alexander Altmann)

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