Kultur

Wuchernde Antiarchitektur: Die Zeche Hannover in Bochum-Hordel, 1973 von den Bechers fotografiert. (Foto: Bernd und Hilla Becher/courtesy Schirmer/Mosel)

01.07.2011

Monströs und puppig

"Bergwerke und Hütten" von Bernd und Hilla Becher im Münchner Stadtmuseum

Dem flüchtigen Alltagsblick entgeht es meist, aber wer zwischendurch genauer hinschaut, bemerkt, dass manche Gebäude etwas Tierisches an sich haben: Die Fassade von San Marco in Venedig erinnerte schon Goethe an einen Taschenkrebs. Was hätte der Dichter da erst zu den Industrieanlagen gesagt, die Bernd und Hilla Becher über Jahrzehnte fotografierten. Wie richtige Monster erscheinen diese Ballungen aus Röhren, Kesseln und Kaminen – als wären sie rätselhafte Lebensformen aus einer Science-Fiction-Phantasie.
Immer wieder staunt man, wie organisch auf den Fotos der Bechers solche technischen Konstruktionen wirken, die uns an Drachen und dampfende Ungeheuer erinnern. Längst sind diese berühmten Bilder, die ab den 1960er Jahren entstanden, Klassiker der Fotografiegeschichte – aber bei jedem Betrachten verblüffen sie aufs Neue. So auch in der Ausstellung Bergwerke und Hütten, die im Münchner Stadtmuseum sehr sorgfältig präsentiert wird.
Denn gerade die klare, ruhige Hängung, die jedem Bild Raum lässt, betont die sachliche Grundhaltung der Fotos, vor der die animalische Dramatik der gezeigten Industrieanlagen umso kontrastreicher hervortritt. Für Hilla Becher, die eigens zur Präsentation nach München gekommen war, ist es „Antiarchitektur“, was sie und ihr 2007 verstorbener Mann Bernd da aufgenommen haben. Denn die Anlagen seien nicht von Architekten „designt“, sondern „von Ingenieuren und Klempnern zusammengeschraubt“, sagte sie.
Dennoch überraschen die vielfältigen Erscheinungsformen der Berg- und Hüttenwerke. Da gibt es naturhaft wuchernde Metallkonstruktionen in Belgien, Frankreich und dem Ruhrgebiet (aber auch bei der bayerischen Maxhütte), historistische Gebäude im Burgen-Stil oder kleine Privatbergwerke in den USA, deren Fördertürme skurrile, windschiefe Holzkonstruktionen Marke Eigenbau sind.

Reizvolle Kompositionen

Die Bechers haben die eigenwillige, lange nicht wahrgenommene Schönheit dieser heute oft schon wieder verschwundenen Industriebauten erst sichtbar gemacht, indem sie deren kompositorischen Reiz betonten, das spannungsvolle Strukturgeflecht aus Horizontalen, Vertikalen und Diagonalen.
Gleichwohl ist es nicht allein dieser formale Aspekt, durch den die Fotos faszinieren. Das Drumherum aus Straßen, Wohnhäusern, Autos und winzigen Menschen gibt den Industrie-Sujets eine deutlich erzählerische Komponente – so als blicke man da auf eine Modelleisenbahn-Anlage. Es ist dieser leicht bizarre Mix aus Monstrosität und Puppigkeit, der die Becher-Bilder zu wahren Ikonen macht. (Alexander Altmann)

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