Kultur

Anja Kampe (Sieglinde), Klaus Florian Vogt (Siegmund). (Foto: Wilfried Hösl)

16.03.2012

Münchens musikalisches Mirakel

Nebenhandlungen verdrängen die Welt-Problematik in Wagners "Walküre" am Münchner Nationaltheater

Nach dem Liebesrausch der Wälsungen-Zwillinge, der sonst fast die Pause füllende Sturmszenen der Begeisterung auslöst nur drei Vorhänge. Kein Solo-Vorhang für Klaus Florian Vogt, den alles überragenden Siegmund-Sänger, nach seinem Bühnentod – wohl aber für die deutlich kleinere Partie, seinen finsteren Widerpart Hunding.
Vor der Musik des Walkürenritts Unmut im Publikum über eine Regie-Erfindung, „Aufhören“-Rufe, höhnischer Dankesbeifall, eine beklatschte ironische „Zugabe“-Forderung, ein von den folgenden Buh-Rufen sichtlich erfreuter Intendant – und am Ende für die musikalische Seite viel Jubel, aber gemessen an „Walküre“-Maßstäben entlarvend kurz. Dabei haben das Bayerische Staatsorchester, GMD Kent Nagano und die Sänger viel mehr und längere Ovationen verdient.
Am Uraufführungsort von 1870 ließ das Orchester seine singuläre Wagner-Kenntnis, -Erfahrung und -Tradition Klang werden: Betörende „innere“ Stimmen von den Holzbläsern, dramatisch wuchtiges Blech samt Pauke für Wendepunkte, herzenswarme Erotik von den Celli und samt-seidiger Rausch von den Streichern.


Wenig Applaus am Uraufführungsort von 1870


Nagano formte die kammermusikalischen Züge wirklich im Piano und dennoch tragend. Er ließ im Tutti so füllig wie groß aufspielen und nahm sofort beim Einsatz einer Singstimme eine Stufe dynamisch zurück, baute aber mit der Stimme dennoch die Steigerung bruchlos weiter auf – wie Wolfgang Sawallisch an seinen besten Abenden. An Münchner Maßstäben gemessen, war Sophie Kochs hochelegante, kalt berechnende Lady Fricka eine Wagners berühmte Anweisung – „Nie dem Publikum etwas sagen, sondern immer den anderen“ – ignorierende, laute Frontalsängerin.
Katarina Dalayman gestaltete eine gute, aber an große Rollenvorgängerinnen nicht heranreichende Brünnhilde, die in der hochdramatischen Höhe auch nur laut war. Gute acht Walküren. Ansonsten aber nur Sänger-Glück: Ain Anger war ein drahtig gefährlicher Hunding-Hüne mit scharfen Bass-Tönen. Thomas Mayer gestaltete einen zunehmend zerrissenen Manager Wotan, dessen ermüdungsfreier Heldenbariton noch im Schlussbannspruch „Wer meines Speeres Spitze fürchtet“ Größe verstrahlte. Anja Kampes unglückliche Sieglinde rührte mit glutvollen Tönen. Erst im Solo-Auftritt am Schluss erntete Klaus Florian Vogt die Ovation, die seinem alles überragenden tragischen Helden Siegmund gebührte: Blendende Bühnenerscheinung, bestechende Textverständlichkeit und sein früher nur heller Tenor hat nun in der Mittellage kernige Substanz gewonnen, bei strahlender Leuchtkraft für die „Wälse-Rufe“ – es gibt andere Siegmund-Sänger, aber keinen besseren!
Mit diesen erstklassigen Solisten hätte der Schauspielregisseur Andreas Kriegenburg ein bewegendes Kammerspiel und großes Welt-Katastrophentheater formen können und müssen. Gewiss gab es ein paar kleine, gute neue Gesten: Wenn etwa der seinen Tod ahnende Siegmund beim Abschied noch einem den Leib Sieglindes berührte, in dem Siegfried heranwächst. Aber alle anderen „neuen“ Regie-Einfälle waren ablenkend, verzichtbar, teils sogar unverständlich. Die eröffnende Kampf-Szene ist unglaubwürdig geformt. Die 20 Hausmädchen im spektakulär herabfahrenden Saal Hundings zerstörten jede Intimität des berüchtigt liebenswerten Zwillingsinzests, ihre Handlampen-Rituale schwankten zwischen „albern“ und „störend“. Dass in der Riesenesche Leichen hingen, im Hintergrund andere Frauen Leichen wuschen – unverständlich, nicht handlungsfördernd. Die penetrant servilen Lakaien um Wotan, Brünnhilde und Fricka, die sogar mit ihren Körpern Stühle und Sofas formten: verzichtbar. Zur weihevollen Musik der „Todverkündigung“: ein befremdliches Leichenfeld samt unverständlichen Leichenfledderern.
Erstklassige Solisten, aber eine verfahrene Dramaturgie
Dies und viel anderer leerer Hubpodien- und Wandfahr-Aufwand gipfelte in einer Show-Einlage vor dem „Walküren-Ritt“: Abermals rund 20 wilde Mädels servierten eine sinnleere Stampf- und Step-Show, die weder Lord-of-the-Dance-Qualitäten noch den Schrecken eines neuseeländischen Rugby-Haka besaß – und die ersten Takte der Musik zerstörte. Dann hochfahrende tote Helden-Puppen, herumliegende Pferde-Masken samt Zügeln, ja sogar Plastik-Wasserflaschen für Wotan und Brünnhilde beim Abschied: eine Müll-Szene. Schließlich der Drachen-Ring-Wurm Alberichs aus dem Rheingold für den Feuerzauber – dramaturgisch völlig verfahren. Eine Enttäuschung.
(Wolf-Dieter Peter)

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