Kultur

Spot an! Wo früher Pakete rumgehievt wurden, ertönt nun Klassik. (Foto: Posthalle)

04.04.2014

Münchens neuer Konzertsaal

"Lux 40" nutzt die ehemalige Posthalle erstmals für Klassik

Vor Kurzem stand der Ring vom Kickboxen mitten unter der riesigen Kuppel – morgen Abend aber gibt es im Münchner „Postpalast“ ein ganz anderes Event: Lux 40 – das erste Klassik-Konzert. Im Zwanziger-Jahre-Viertel in Sichtweite des Circus Krone und im ehemaligen Paketverteilungszentrum ist das natürlich anders als im Gasteig oder Herkulessaal.
Ausgedacht hat sich das Lux 40-Event Michaela Pods-Aue, und man muss nur ihre Visitenkarte lesen, um zu wissen, aus welcher Ecke der Event-Wind weht: „music/projects/art“ heißt ihre Firma, und auf drei Ebenen hat sie auch ihr Lux-Projekt geplant: eine seit 500 Jahren vergessene italienische Messe a capella von Alessandro Striggio, die Lichtinszenierung im denkmalgeschützten Rundbau mit seinen acht Säulen und der 20 Meter hohen Kuppel, der Brückenschlag in die Moderne mit einer „transformatorischen Inszenierung“.
Michaela Pods-Aues Zielgruppe ist nicht nur das klassische Abonnentenpublikum, sondern sind auch junge Leute, die sich für technische Innovationen im Lichtdesign begeistern und denen das Modern String Quartet etwas sagt. Das nämlich wird in der Mitte unter der Kuppel sitzen, mit von der Partie sind 40 Choristen der Münchner vox nova (Leitung: Andreas Stadler) und improvisierende Instrumentalsolisten. Fürs Umweltbewusstsein: Man kommt für diese Lichtorgie mit 1600 Watt Anschlussleistung aus – jeder Föhn braucht mehr.
Was die Veranstalterin mit diesem Projekt nicht will: Rockmusik mit den Mitteln des Symphoniekonzerts. Dazu hat die studierte Sängerin und Pianistin „viel zu viel Respekt vor der klassischen Musik“. Musik pur in attraktiver Darbietung plus Brückenschlag in die Moderne, damit hat sie aber seit 15 Jahren Erfahrung, mit „Konzerten von geistigem Nährwert“, einer „Beförderung des Konzerterlebnisses“, „synästhetischen Erlebnissen“, wie sie sagt.
Dazu kommt ihr der Postpalast gerade recht: ein von aller Paketverteilungstechnik freigeräumter, fast 8000 Quadratmeter großer Raum mit Fenstergalerien, bekrönt von der gigantischen Glaskuppel. Diesen Raum will Miachaela Pods-Aue mit ihrer Inszenierung aber letztlich zum Verschwinden bringen: „Er soll sich über die Kuppel in den Himmel öffnen, die Säulen strahlen in dunklem Goldton, die Sänger in weißer Kleidung. Es werden sich Lichtinseln ergeben, der Dirigent steht in der Mitte und hat 360 Grad Rundumsicht.“ 1400 Zuhörer bringt sie unter, Mineralwasser und Programmhefte sind bei der Eintrittskarte inklusive.

Das Museum im Visier

Michaela Pods-Aue hat ihn schon, den neuen Münchner Konzertsaal – wo sonst Sportler kämpfen, Firmen feiern, auch der FC Bayern: „Ich mache hier Pionierarbeit als Veranstalterin und Künstlerin, die das ganze Projekt erfunden hat“, sagt sie stolz. Seit vier Jahren spukt ihr der Postpalast an der Wredestraße als Konzertlocation im Kopf herum, drei Jahre Vorbereitungszeit hat sie Lux 40 gekostet, jetzt lädt Pods-Aue auch Veranstalter aus anderen Städten ein, um sie für Gastspiele von Lux 40 zu interessieren. Für kommenden Sonntag, den 6. April, hat sie noch einen Trumpf im Ärmel: Da gibt es in einer Matinee um 11 Uhr den Postpalast Morgenlicht durchflutet.
Sicher mehr im altägyptisch Düsteren könnte ein weiterer Plan von Michaela Pods-Aue spielen: im Münchner Ägyptischen Museum Texte, Klänge, Licht wie zur Pharaonenzeit. Denn nach neuen Schauplätzen für ihre Wenig-Watt-Viel-Wirkung-Inszenierungen muss sie sich sowieso umschauen, denn der Postpalast (Pächter ist im Moment Feinkost-Käfer) wird vielleicht in die Umgestaltung des ganzen Areals Arnulf-Wrede-Straße einbezogen. Dann könnten Hotelgäste ihre Lichtschau in der Post-Suite selber machen. (Uwe Mitsching)

Lux 40 am 5. April um 20 Uhr, am 6. April um 11 Uhr im Postpalast, Wredestraße 10, 80335 München. www.music-projects-arts.de

Abbildung:
Ein Auditorium für 1400 Gäste - das Orchester sitzt im Zentrum, dort, wo sonst auch schon mal heiße Fäuste fliegen. (Foto: Bartenbach)

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Kommentare (5)

  1. Thomm am 04.04.2014
    Da wird ein verschollenes Stück wunderbarer Musik gefunden. Sie ist noch nicht bekannt.
    Und es muß derart kommerziell und marketingorientiert benützt werden, um überhaupt seinen Wert zu entfallten ?

    Wie traurig und unsensibel - ich finde dies eher beschämend
  2. Thomm am 04.04.2014
    Da wird ein verschollenes Stück wunderbarer Musik aus seinem Dornröschenschlaf geweckt.
    Und Veranstaltern und Marketingexperten fällt nichts anderes ein, als dieses kostbare Gut für sich zu benützen und auf den Markt zu werfen - ich finde es immer wieder erschreckend, wie unsensibel wir Menschen sind. Das Werk hätte mehr verdient.
    Traurige Entwicklung !
  3. Fan am 08.04.2014
    Es war herrlich! Die Premiere am Abend war gut besucht. Wer während des Konzerts in die Gesichter der Konzertbesucher geschaut hat, konnte sehen, wie ergreifend inszeniert das Konzert war. Mir hat es so gut gefallen, dass ich das Erlebnis gleich am nächsten Tag bei der Vormittagsvorstellung noch einmal "konsumiert" habe. Und es sollte noch besser werden. Die Künstler schienen selbstsicherer und die Musik, – vielleicht auch dadurch, dass der Raum nur halb gefüllt war – noch intimer und direkter zu sein. Das Lichtkonzept wer sehr reduziert und angenehm – es hätte noch etwas dunkler sein dürfen. Schade, dass LUX 40 vorbei ist – es ist wirklich schade für jeden, der nicht dort war. Danke München, für so außergewöhnliche Projekte. Kompliment an die Künstlerin!
  4. Louise am 09.04.2014
    In der Tat, wie traurig. Daß ein wunderbares Stück Musik wiedergefunden wird und aufgeführt werden soll und man muß es marketingtechnisch und kommerziell so anpreisen, damit die Medien es überhaupt einer Erwähnung für würdig erachten. Damit möglichst viele Menschen in den Genuß kommen. Betrachtet es mal so herum. Das ist der Skandal, liebe/r Herr/Frau Thomm. Und noch ein Skandal: Will man diese kostbare Musik aufführen, muß man Unterstützer finden, weil das nämlich über Eintrittsgelder nicht finanzierbar ist. Und weil im Zuge der Reizüberflutung und des Massengeschmacks sowas nicht eben einfach so zu machen ist, muß man die Werbetrommel rühren. Und dann wird einem Kommerzialisierung vorgeworfen. Sehr ermutigend für alle, die abseits des Mainstreams und ohne öffentliche Gelder etwas gegen die die Veridiotisierung des Publikums zu machen versuchen.
  5. Monika am 23.04.2014
    Mit weiteren ca. 1500 Konzertbesuchern habe ich Lux 40 Anfang April im Postpalast erlebt.
    Die überaus hohe Qualität der musikalischen Darbietung (Projektchor "Vox Nova" unter Leitung von Andreas Stadler, Modern String Quartet, Michael Lutzeier), die besondere Architektur des Raumes und die sensible Lichtgestaltung haben mich sehr begeistert und mir die Möglichkeit eröffnet, einen für mich neuen und wesentlichen Zugang zur Chormusik der Renaissance zu finden.
    Es wäre wunderbar, wenn dieses "synästhetische Konzert" (Michaela Pods-Aue) für viele weitere Zuhörer wiederholt werden könnte. Auch und gerade jugendliche Besucher können m.E. mit "Lux 40" ganz besonders gut angesprochen werden.

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