Kultur

Nürnbergs Wahrzeichen sollen künftige Besucher auch als Geo-, Bio- und Hydrotop kennenlernen. Der Sinwellturm (Bildmitte) spielt dabei eine wichtige Rolle. (Foto: BSV)

28.10.2011

Multimedial den Wanderkaisern hinterher

Neues Museumskonzept für die Kaiserburg in Nürnberg

Die Kaiserburg hoch über der Altstadt ist nicht nur das Wahrzeichen Nürnbergs, sondern quasi auch eine bayerische Enklave mitten in der fränkischen Metropole: Denn die Burg ist Besitz des Freistaats und wird von der Schlösserverwaltung (die dem Finanzministerium zugeordnet ist) betreut. Trotz der etwa 250 000 Besucher, die alljährlich als Touristen aus aller Welt die Burg und den Palas mit dem bis jetzt leer stehenden Kaisersaal, der romanischen Doppelkapelle, dem markanten Sinwellturm und dem Tiefen Brunnen besichtigen, liegt die Burg seit Jahrzehnten in einer Art musealem Dornröschenschlaf, den nur ab und zu Feiern und Feste, für die die Burg gemietet werden kann, störten. 1996 erbarmte sich das Germanische Nationalmuseum Nürnberg (GNM) und richtete im Kemenatenbau ein kleines Museum zur Wehr- und Waffenkunde und zur Baugeschichte der aus dem 11. Jahrhundert stammenden Burg ein – was sich freilich wie ein Alibi ausnahm, um die museale Tristesse zu kaschieren.
Jetzt soll die im Zweiten Weltkrieg schwer mitgenommene Burg museal aufgemöbelt werden, wie Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) und Umweltminister Markus Söder (CSU), ein Nürnberger, vor Ort auf der Burg bekannt gaben. 2,1 Millionen Euro will der Finanzminister dafür ausgeben, eine weitere Dreiviertelmillion will der Umweltminister vor allem in eine energetisch sich weitgehend selbst versorgende Klimaanlage stecken. Und die Stadt Nürnberg soll mit mindestens 200 000 Euro zur Kasse gebeten werden. 2013 soll das Burg-Museum fertig sein und auf 800 Quadratmetern die Dauerausstellung unter dem Motto „Der Kaiser kommt“ zeigen.

Unterm Baldachin

Den Besucher wird dann im Kaisersaal ein Baldachin, ein Kaiserthron und eine Festtafel wie zu den Zeiten empfangen, als die deutschen Kaiser mit ihren sieben Kurfürsten zwischen 1378 und 1524 regelmäßig in der Nürnberger Kaiserpfalz Reichstag hielten. Dort wird auch an die Goldene Bulle erinnert, die 1355/56 auf der Burg in Nürnberg als eine Art Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation konzipiert wurde. Die Reichskleinodien, also Krone, Zepter und der Reichsapfel als die Insignien der kaiserlichen Macht, die auf der Burg zur Schau gestellt wurden, wenn der Kaiser kam, werden in einem Insigniengang präsentiert – freilich nur als Duplikat, denn die Originale, die Hitler nach dem Anschluss Österreichs von Wien nach Nürnberg geholt hatte, wurden 1946 wieder nach Wien restituiert.
Wie die deutschen Wanderkaiser, die – weil ohne festen Wohn- und Regierungssitz – von Pfalz zu Pfalz zogen, gleichsam aus dem Sattel regierten, wird in einem Raum dokumentiert, den die Städtischen Museen Nürnberg bespielen sollen. Auch das Germanische Nationalmuseum wird seine Dependance auf der Burg dem neuen Burgmuseum anpassen und mit seiner Ausstellung neben Wehr und Waffen vor allem auf die Geschichte und die architektonische Entwicklung der Burg eingehen, die von den Nationalsozialisten purifiziert und auf „altdeutsch“ getrimmt worden war.
Wer die wissenschaftliche Federführung des avisierten Burg-Museums übernehmen soll, ist noch offen. Sinnvoll wäre sicher, dies nicht vom entfernten München aus, sondern vor Ort zu bewerkstelligen, wofür sich der Generaldirektor des GNM, Ullrich Grossmann, anböte, der als ausgewiesener Experte der europäischen Burgen-Forschung gilt. Allerdings gab es auch schon Unstimmigkeiten zwischen ihm und München: Mit seinem Vorschlag, auf der Cadolzburg bei Fürth das erste Deutsche Burgenmuseum zu etablieren und vom GNM (das von Bund, Land und Stadt getragen wird) wissenschaftlich betreuen zu lassen, drang er nicht durch. Das Projekt wird jetzt im Thüringischen, auf der Heldburg nahe Coburg verwirklicht. Für Bayern eine verpasste Chance.
Mit dem Sinwellturm und dem Tiefen Brunnen will Umweltminister Markus Söder als Nürnberger, der sich für die Kaiserburg stark macht, hoch hinaus und tief hinunter. Sein Beitrag soll die Burg als Geo-, Bio- und Hydrotop vorstellen: Im Sinwellturm, aus 200 Millionen Jahre altem Sandstein erbaut, soll die erdgeschichtliche Entwicklung vom Jura-Meer zur Sandsteinbildung mittels 3-D-Animation skizziert werden.

Wo die Fledermäuse hausen

Der Tiefe Brunnen, laut „Wasserminister“ Söder die „schönste Grundwasserstelle Bayerns“ und bisher nur mit einer Kerze erleuchtet, soll elektrisch illuminiert werden. Mit neun Fledermausarten, 180 verschiedenen Insekten und Spinnen, die auf der Burg hausen, und den über 700 verschiedenen Pflanzen, Moosen und Pilzen, soll die Burg als Biotop für Fauna und Flora vorgestellt werden.
Ein Filmraum und ein Audioguide werden außerdem die Nürnberger Burg noch attraktiver machen, durch die die Besucher dann nicht mehr geführt werden müssen, sondern frei durch die deutsche Vergangenheit flanieren können, wie sie sich jahrhundertelang auf der Burg der Freien Reichs- und Kaiserstadt Nürnberg manifestierte – und jetzt in dem exemplarischen Museumsprojekt Bayerns visualisiert werden soll. (Friedrich J. Bröder)

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