Kultur

Schräges Szenario Melanija (Mara Widmann) ist in den Forscher Protassow (Oliver Möller) verknallt. (Foto: Arno Declair)

02.10.2014

Neben der Spur

Das Münchner Volkstheater zeigt eine prickelnd schräge Version von Gorkis "Kinder der Sonne"

Kinder der Sonne sind sie schon irgendwie, die Leute in Maxim Gorkis gleichnamigem Stück, aber entweder stehen sie im Schatten – oder sie haben einen. Irgendwie sind in dem eher komischen als tragischen Trubel zwischen Verliebtheitsverblendungen und Chemielaborstinkattacken rund um den Forscher Pawel Protassow allesamt leicht neben der Spur, und weil Regisseur Csaba Polgár im Münchner Volkstheater seine Inszenierung kurzerhand und kongenial selbst leicht neben die Spur gesetzt hat, funktioniert sie stimmig.

Eh schon alles egal

Angenehm schräg, ohne aufgesetzt schrill zu sein, verfolgt die Handlung eine Handvoll Menschen mit mehr oder weniger chronischem Realitätsverlust. Und so ist auch die Realität auf der Bühne (Ausstattung: Lili Izsák) angesiedelt in einem realitätsfernen Raum, versinnbildlicht durch schwerst heruntergekommenes Interieur spätsozialistischer Innenarchitektur inklusive Hammer und Sichel, lieblos neu eingerichtet vom Forscher Protassow. Dessen Labor verwandelt sich alsbald in einen Whirlpool, in dem das gesamte Personal pritschelt, plantscht, wuselt, wuschelt und wütet. Weshalb das Bühnenpersonal auch von Anfang an mit der Grandezza größtmöglicher Wurschtigkeit barfuß oder mit Adiletten, mit Blümchenkleidern, Preis-Mini-Markt-Hosen und insgesamt größtenteils unsäglichen Klamotten herumrennt.
Diese Wurschtigkeit, diese Lässigkeit, diese Eh-schon-alles-egal-Haltung prägt die Inszenierung eines Stücks, in dem es um genau das geht: um eine gescheiterte Gesellschaft, die längst schon über sich hinaus und von allen Seiten mit revolutionären Bestrebungen umstellt ist. Es hat nur noch keiner mitbekommen, nicht einmal die Revolutionäre selbst.
Und so forscht Pawel Protassow vor sich hin, ganz wunderbar dargestellt von Oliver Möller als wirrem Hausschrat, der eigentlich als Chemiker die letzten Rätsel der Menschheit in der Petrischale lösen will und stattdessen als Familienoberhaupt selbst die offensichtlichsten Tatsachen fortschreitenden Chaos’ im eigenen Wohnzimmer nicht erkennen kann.
Polgárs Personal ist konsequent durchironisiert. All die Typen wirken wie Schlafwandler an der Nahtstelle vom Traum zum Wachzustand, balancieren dort, wo nichts so richtig wirklich ist und nichts wirklich falsch.
Am unwirklichsten ist bei alledem die Sprache der Herzen: Boris (Max Wagner als relativ ausgeglichener Instinktromantiker) liebt Pawels Schwester Lisa (zart überspannt: Constanze Wächter), dessen Schwester Melanija (eine instabile Emotionsplattform: Mara Widmann) wiederum den Hausherrn selbst. Der ist mit Jelena (ziemlich ernsthaft normal: Barbara Romaner) verheiratet, die von dessen Jugendfreund Dimitrij (von Tobias van Dieken mit naiver Hochnäsigkeit dargestellt) wiederum heiß begehrt wird.
Im Münchner Volkstheater wird dieses Kuddelmuddel zu einer Menagerie der Somnambulen, händeringend betrachtet vom Kindermädchen Antonowna (Ursula Maria Burkhart), einer Dame, die schon so sehr zum Haus gehört, dass ihr Gewand Form und Farbe der Tapete angenommen hat. In Polgárs Inszenierung wimmelt es von solchen heiteren Petitessen, die zusammen mit den musikalisch höchst liebreizenden Bereicherungen durch Tamás Matkó diese Inszenierung insgesamt äußerst prickelnd und sehr sehenswert machen. (Christian Muggenthaler)

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