Kultur

"Looking back" heißt die Choreografie von Rachid Ouramdane für die britische Candoco Dance Company. Der Titel ist bezeichnend für die Programmatik der diesjährigen Tanzwerkstatt. (Foto: Hugo Glendinning)

10.08.2012

Nervige Selbstversuche

Die Tanzwerkstatt Europa beschäftigte sich diesmal reichlich verkopft mit Historischem

Für junge Tanzwissenschaftler war es vielleicht eine lohnenswerte Münchner Tanzwerkstatt Europa (TWE). Zum gegenteiligen Ergebnis käme wohl eine Umfrage beim „normalen“ Publikum. Denn der Hauptakzent lag diesmal beim Wort und auf der Auseinandersetzung mit der Historie. Neben dem Symposium „Geschichte und Geschichten im Tanz“ gab es viel historische Spurensuche.
Der Berliner Martin Nachbar präsentierte eine Annäherung an die legendäre Ausdruckstänzerin Dore Hoyer (1911 bis 1967) und ihr Affectos Humanos von 1962: ein Tanzzyklus über Angst, Begierde, Eitelkeit, Hass, Liebe. Zwischen Proseminar-Vortrag und vorgeführten Affectos-Tanzbeispielen, kommt er zu der Einsicht, dass eine Rekonstruktion dieses Werkes gar nicht möglich ist: Zum einen wegen der zeitlichen Distanz und dem daraus resultierenden anderen Lebensgefühl, anderer Körperlichkeit und Tanztechnik. Zum zweiten, weil Nachbar diese Tänze nur mittelbar, nämlich aus einer Filmaufnahme von 1967 kennt. Man kann nur hoffen, dass seine künftige choreografische Aktivität von dieser achtjährigen (!) Recherche profitieren wird. Der Zuschauer-Profit war, künstlerisch und intellektuell betrachtet, eher mager.

Unfreiwillig lächerlich

Reine Scharlatanerie dann, was der Franzose Xavier LeRoy in schlechtem Englisch zwei Stunden lang abließ über sein Schnell-Studium des japanischen Butoh, dieses als Reaktion auf Hiroshima und westliche Überfremdung entstandenen Tanzes der Finsternis. LeRoy, von Haus aus Molekularbiologe, der als hochgehandelter Konzept-Choreograf seit zwei Jahrzehnten von Festival zu Festival gereicht wird, klappt tatsächlich seinen Laptop auf und lässt uns die auf die Rückwand projizierten Wikipedia-Einträge zum Butoh mitlesen. Dazwischen groteske Bewegungen, die seine Butoh-Fortschritte illustrieren sollen. Fakt ist, dass der höchste geist-körperliche Konzentration fordernde Butoh-Tanz hier unfreiwillig ins Lächerliche gezogen wird.

Hyperpenetrant


Ein hyperpenetrantes Interpretations-Seminar lieferte die Spanierin Olga de Soto mit ihren Reflexionen zu Kurt Jooss’ 1932 preisgekröntem Antikriegsballett Der Grüne Tisch von 1932. Von der Bundeskulturstiftung/Tanzfonds Erbe mit 88 000 Euro gefördert für ihre Vergangenheits-Forschung, hat sie Ex-Jooss-Tänzer und ältere Zuschauer in aller Welt nach deren Erinnerungen zum Grünen Tisch befragt. Und stopft eineinhalb Stunden voll mit immer wieder dasselbe besagenden Video-Interviews auf verteilten Bildschirmen, die von sechs Tänzern (!) im Raum bewegt und gehalten werden. Weder Live-Tanzschritt noch Fotos noch Filmbeispiele werden gezeigt. Wer das Jooss-Werk nicht kennt, säuft in diesen oft auch sentimentalen Wortergüssen älterer Herrschaften hilflos ab.
Der zeitgenössische Tanz mutiert offensichtlich zum akademischen Medium, hinter dem choreografische Selbstversuche stehen oder historische Ersatzmanöver. Überleben werden nur Werke, die nicht auf Fremdmaterial gründen, sondern aus eigener künstlerischer Inspiration entstanden sind: Set and Reset von 1983 der großen US-Postmodernen Trisha Brown, das die britische Candoco Company zum TWE-Auftakt mit heiterer Leichtigkeit tanzte, ein Klassiker, macht Hoffnung, dass es auch in Zukunft wieder Klassiker geben wird. (Katrin Stegmeier)

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