Kultur

Die Sprechrollen der beiden Jüdinnen übernehmen Charlotte Sieglin und Britta Scheerer. (Foto: Nico Manger)

16.11.2012

Nervosität und Verklärung

Magret Wolfs Kammeroper "Refidim Junction" über die unterschiedlichen Schicksale zweier Jüdinnen

Die eine wurde deportiert und ermordet, die andere konnte noch zu ihrem bereits emigrierten Mann nach London entkommen: Die Schicksale zweier jüdischer Frauen, der Dichterin Marianne Rein aus Würzburg, und der Hausfrau Perl Margulies aus Essen, regte die in München geborene israelische Komponistin Magret Wolf zu einer Kammeroper an. Ihr Libretto basiert im Wesentlichen auf den erhaltenen Briefen der beiden so verschiedenen Frauen. Wolf nannte ihr Werk eine „szenisch-dokumentarische Aktion“ und gab ihr den etwas sperrigen Titel Refidim Junction: Refidim ist ein Wüstenort, meint aber auch „die Schwachen“; Junction bedeutet „Schnittpunkt“.
Es ist eine handlungsarme Vorlage – zusammen mit der neuen ist die bühnenwirksame Aufbereitung schwierig. Regisseur Kai Christian Moritz jedoch gelang eine eindrucksvolle Uraufführung im Theater in der Bibrastraße in Würzburg als Koproduktion des Mainfranken Theaters mit der Musikhochschule.
Die Besucher wurden bereits beim Eintreten auf das Kommende eingestimmt: Schwarz und grau gekleidete, trauernde Mahner stehen an der Seite, rezitieren Namen unterfränkischer Deportierter und das Gedicht einer Jüdin aus dem Ghetto in Lodz, die Gott bittet, den Namen „Mensch“ von ihr zu nehmen. Vor Spielbeginn zeigen Videoprojektion auf einem Segel über der Bühne eine blühende Landschaft, allerdings hinter einem Zaun, dann ändert sich die Perspektive auf hohe Bäume, in Schwarz-weiß, und die Kamera schwenkt nach unten: Todeszone – Halt! Damit beginnt die Oper.

Meditative Züge

Die zeitgenössische Musik der renommierten Komponistin, unter Ulrich Pakusch vom Hochschulorchester sehr konzentriert gespielt in ungewöhnlicher Besetzung, lebt von teilweise etwas dissonanten, oft auch melodischen Klangflächen, von Tonrepetitionen, von rhythmischen Akzenten, erinnert bisweilen an fernöstliche Musik, hat auch meditative Züge.
Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die beiden Frauen, auf der Vorderbühne agierend, wenn sie aus ihren Briefen lesen: Marianne in schwärmerischer Verklärung ihres fernen Adressaten Jacob Picard, Perl in immer größerer Nervosität und Angst mit drängenden Bitten an ihren Mann. Bei der einen scheint fast bis zum Schluss der fatale Alltag ausgeblendet, bei der anderen spürt man die harte Realität. Wolf hat beide und auch den Chor gedoppelt in Sprecher und Sänger. Immer wenn Gefühle übermächtig werden, geht der gesprochene Text in Gesang über; damit die Emotionen deutlicher werden, richtet sich die Videokamera auf die Gesichter, während an den Seiten die Texte der repressiven Nazi-Verordnungen ablaufen.
Judith Beifuß als Perl und Katja Beer als Marianne, ergreifend in der Gestaltung, sangen ihre Partien souverän; noch eindringlicher wirkten die Sprecherinnen: Britta Scheerer zeichnete die Perl in ihrer ganzen Verzweiflung und rastlosen Hektik überzeugend. Charlotte Sieglin als Marianne aber gab ihrer Figur wirklichkeitsferne Träumerei, Lebensbejahung trotz Einsamkeit, menschliche Wärme. Umso schrecklicher dann der Schluss, als sie endlich in der Realität ankommt: in der Vernichtung.
Das Würzburger Publikum honorierte diese Uraufführung mit langem Beifall.  (Renate Freyeisen)

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