Kultur

Vision einer anderen Welt: Der kolorierte Holzschnitt mit dem grotesken "Tanz der Skelette" von Michael Wolgemut stammt aus dem Jahr 1493. (Foto: GNM)

25.01.2013

Ominöse Zwischenwelt

Das Germanische Nationalmuseum zeigt die "ars phantastica" von Dürer bis Dali

Wenn die Vernunft schläft, unser Bewusstsein ausgeschaltet ist und die Seele hinabtaucht in die Tiefen des Unbewussten, wo Träume uns beflügeln oder Alpträume uns belasten, bemächtigen sich unser nie gesehene Bilder und Vorstellungen. Sie sind nicht zu greifen, geschweige denn zu begreifen. Es sei denn, Künstler nehmen sich diesem Reich der Phantasien und des Phantastischen an und gewähren uns mit ihren Bildern Einblicke in diese Welt der ars phantastica. Genau das tut auch die Ausstellung Tagträume – Nachtgedanken des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg: Ausgestellt sind 130 grafische Arbeiten und Fotografien von Albrecht Dürer bis Salvador Dalì.
Sie zeigen, wie sich die Künstler durch die Jahrhunderte hindurch diese ominöse Zwischenwelt zwischen Himmel und Erde, zwischen Diesseits und Jenseits vorstellten, wie sie sie leichthändig heiter oder deprimierend düster ausmalten. Wobei die spaßigen Drolerien und die launisch-lustigen Capriccios französischer und italienischer Künstler von den schwermütigen Grotesken und abschreckenden Schauerlichkeiten spanischer und deutscher Künstler dominiert werden.
Den grotesken Tanz der Skelette, ein kolorierter Holzschnitt von 1493 des Nürnbergers Michael Wolgemut, mildert Dürers rätselhafter Kupferstich Melencolia von 1514 nur bedingt ab, wurde doch im Mittelalter die Melancholie als eine Krankheit zum Tode hin verstanden.
Wie überhaupt die finsteren Tagträume und die noch abgründigeren Nachtgedanken zumindest in der Vorstellung der Künstler vorwiegend von schauderhaften Chimären und Lemuren bevölkert werden, merkwürdigen Geistern und mystischen Fabelwesen, halb Tier, halb Mensch. Und weil man sehenden Auges diese phantasmagorischen Welten nicht wahrnehmen konnte, sind es immer wieder Augen, die in diesen Bildern der phantastischen Maler auftauchen, so als ob sie nicht nur unsere Außenfenster zur Welt hin, sondern auch die Fenster in unsere Seelen hinein seien.
Der Manierismus gar entführte in menschenleere phantastische, irreale Architekturen, der Italiener Piranesi entwarf fragil-futuristische Ruinenstädte und die Surrealisten des 20. Jahrhunderts, allen voran Dalì, de Chirico und Max Ernst schufen magische Räume und mysteriöse Topographien. Optische Verwirrspiele, wie etwa die Anamorphosen, die nur aus einem bestimmten Blickwinkel ihre Geheimnisse preisgaben, drangen ins Reich der unsichtbaren Welten vor und visualisierten die „Unordnung der Dinge“, machten das Chaos des Virtuellen also komplett, ganz zu schweigen von den Visionen und Utopien der Futuristen und Dadaisten, die die Welt in ihren ausufernden Phantasien und Gesichten auf den Kopf stellten. Dass selbst den Künstlern einer solchen ars phantastica ihre über die Stränge schlagende künstlerische Phantasie nicht ganz geheuer war, erkannte schon Albrecht Dürer und warnte seine Kollegen: „Hüte sich ein jeder davor, etwas Unmögliches zu machen, das die Natur nicht gestaltet; es sei denn, er wolle ein Traumwerk machen.“ (Friedrich J. Bröder)

Bis 3. Februar. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Geöffnet: Di. bis So. 10 – 18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. www.gnm.de

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