Kultur

Der beleuchtete Regentenbau. (Foto: Kissinger Sommer)

08.07.2015

Orchesterglanz

Kissinger Sommer

Große Orchester und berühmte Solisten – diese Kombination zieht beim Kissinger Sommer selbst bei Tropenhitze viele Besucher in den klimatisierten Regentenbau. Auch das Konzept „Meier-Meyer“, also Sabine Meyer und Waltraud Meier, zusammen mit der Nationalphilharmonie Warschau unter dem energisch leitenden Jacek Kaspszyk ging voll auf. Die berühmte Klarinettistin aus Crailsheim betörte gleich den Saal mit dem samtig-sonnigen Timbre ihrer Bassklarinette in Mozarts A-Dur-Konzert KV 622, zauberte mit weich flüssig dahinwirbelnden Läufen und variablen Abstufungen reinsten Genuss im Einklang mit dem Orchester und begeisterte mit seelenvoll singenden Linien und einem fröhlich und übermütig tanzenden Finale. Auch bei den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauß war das diesmal groß besetzte Orchester für die wohlklingende, nie vordrängende Stimme der Mezzosopranistin aus Würzburg ein ebenbürtiger Partner; in „September“ verbreitete sie sanfte Melancholie mit schimmernden Höhen, glänzte „Beim Schlafengehen“ auch mit dramatischen Akzenten und sang „Im Abendrot“ beim Dialog mit der Sologeige durch die ausdrucksstarken Schattierungen fast instrumental. In der 4. Sinfonie von Brahms entfalteten dann die Polen viel Heftiges, straffe Bewegung, innere Spannung, mächtige, nie grelle Fortissimi und begeisterten mit einem schicksalhaften, mitreißenden Schluss.

Tolle Bläser

Auf die Tschechische Philharmonie unter James Gaffigan war man neugierig, denn die berühmte Midori spielte Schumanns Violinkonzert d-moll. Leider aber hat dieses Werk schon von seiner Entstehung her Probleme gehabt, wurde auch sehr spät erst uraufgeführt. Und die Solistin pflegte einen äußerst zurückhaltenden, zarten, fast privaten Ton, der oft kaum über das Orchester drang, auch wenn sie dem Ganzen mit seelenvoll verinnerlichtem Ton filigranen Glanz verlieh. Dafür aber klang die 7. Sinfonie Dvoráks nach dem einleitenden wenig aufregenden Werk „Die Mittagshexe“ umso strahlender. Das Orchester, mit tollen Bläsern und einer leuchtend klingenden Streicher-Armada besetzt, steigerte sich mächtig unter dem mit vollem Körpereinsatz leitenden Dirigenten, zeigte tänzerische Leichtigkeit neben untergründig Schwermütigem, liebliche Idylle und blieb selbst bei aberwitzig flinkem Tempo noch klangschön. Das war die Vorlage für das BBC Symphony Orchestra unter seinem finnischen Chefdirigenten Sakari Oramo und das „Promskonzert“, das mit bekannten Nummern das Publikum erfreuen will. Das gelang nur teilweise. Zwar ist Griegs Peer-Gynt-Suite Nr. 1 außerordentlich beliebt, doch wer das norwegische Nationalorchester aus Bergen einige Tage zuvor noch im Ohr hatte, war von der „Morgenstimmung“ trotz groß angelegtem Geigenschmelz nicht allzu sehr mitgerissen; vieles kam allzu genüsslich in die Breite gezogen, und auch bei den folgenden Teilen schien der Schwung gebremst, entlud sich eher in einem gewalttätigen Fortissimo; trotz des auf seinem Pult tänzelnden Dirigenten wirkte die „Valse triste“ von Sibelius zögerlich, fast etwas gedämpft.

Irgendwie die Seele ausgetrieben

Auch Beethovens 4. Sinfonie erwies sich unter der Stabführung von Oramo als sehr schwer, sehr akzentuiert, fast sezierend in ihre Einzelteile zerlegt und manieriert in Hinblick auf starke Kontraste hin interpretiert. Zwar war der Orchesterklang selbst bei riesigen, extrem straffen Steigerungen immer angenehm gerundet, doch der Dirigent hatte mit seiner Betonung der einzelnen „Effekte“ dem Ganzen irgendwie die Seele ausgetrieben. Dagegen gelang mit Beethovens 5. Klavierkonzert ein absoluter Höhepunkt dank des überragenden Pianisten Igor Levit. Er beherrschte alle Nuancen des Anschlags von kraftvoller Brillanz in glänzend gebundenen Läufen und leuchtenden Trillerketten, gestaltete große Linien mit dem bestens auf ihn abgestimmten Orchester, nahm sich aber auch zurück bei feinem, leuchtend zarten Perlen, begeisterte durch die schlichte, liedhafte Ruhe im Mittelsatz und riss mit seinem sich fast überschlagenden Schwung im triumphalen Schluss das Publikum zu Jubelstürmen hin. Das zweite Konzert der Londoner unter derselben Leitung bot ein anderes Bild. Zwar geriet das „Meistersinger“-Vorspiel von Richard Wagner gleich am Anfang viel zu laut, aber das Kommende versöhnte. Zwei Opern-Arien von Mozart, gesungen von der jungen koreanischen Sopranistin Sumi Hwang, stellten eine klare, große Stimme mit etwas hartem Höhenansatz vor, die aber die zugegeben schwierige Arie „Come scoglio“ mit ihren irren Registersprüngen und Verzierungen bestens beherrschte.

Sinnlich-samtige Celli

In der 2. Sinfonie von Brahms imponierte das BBC-Orchester mit seinen exzellenten Hörnern und Holzbläsern, dem fein geschliffenen Geigen-Brio und den sinnlich-samtigen Celli; hier standen Sehnsüchtiges und suggestive Steigerungen im Vordergrund; am besten gelang der graziöse 3. Satz mit seiner strahlend guten Laune, und das mitreißend schmissige, mächtige Finale setzte noch eins drauf. Doch auch hier ließ das Solistenkonzert mit der jungen russischen Geigerin Alina Ibragimova aufhorchen, denn sie interpretierte Mendelssohns Violinkonzert e-moll mit viel Empfindung, feinstem Flageolett, wunderbar singendem, schwebenden Ton ihres schönen alten Instruments, gab Virtuoses, auch in der Kadenz, energisch, leidenschaftlich, bravourös ohne Schnörkel, gestaltete mit spinnwebfeinen Verzierungen Scherzhaftes neckisch. Großer Beifall! Auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hatte ein Violinkonzert im Programm, das unsagbar schwere, früher als unspielbar geltende von Tschaikowsky. Für Lisa Batiashvili bedeutete das trotz der hohen Außentemperaturen keine Probleme, obwohl sie doch ein wenig ins Schwitzen geriet. Die sympathische, international bestens renommierte Geigerin mit Wohnsitz München rief mit ihrer Interpretation stehende Ovationen hervor, da bestens getragen vom Orchester unter dem mit äußerstem Körpereinsatz und ständigem Augenkontakt leitenden Andris Nelsons. Der volle, satte, kräftige und elanvolle Klang der wunderbaren Guarnieri-Geige faszinierte mit feinsten, melancholischen Schattierungen, auch bei dramatischen Höhepunkten, überstrahlte das Orchester. Dabei ließ sich die Solistin anfangs etwas Zeit bei den Doppelgriffen und Bogenstückchen, und auch die Kadenz wirkte etwas langatmig; doch in der gefühlvollen Canzonetta fand sie zu einem verinnerlichten Dialog mit der ausgezeichneten Flöte, und im ungeheuer flink beendeten Finale konnte sie dann mit virtuosen Finessen und entfesseltem Temperament mühelos mitreißen.
Die Stunde des Orchesters aber kam in Dvoráks wenig bekannter 6. Sinfonie; da zeigte Nelsons, wie plastisch und leuchtend er Einzelheiten herauskristallisieren konnte, wie in einem Gewittersturm-Forte alles noch strahlend und mächtig klang, wie sanfte Streicherflächen aufblühen durften und welch reiche Ausdrucksmöglichkeiten das Orchester entfaltete. Eine Art Hexentanz leitete das abwechslungsreiche Scherzo ein, und nach dem sich immer heftiger entwickelnden Finale fand der Jubel fast kein Ende. (Renate Freyeisen)

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