Kultur

27.09.2013

Othello im Container

Nürnbergs Intendant Peter Theiler und Regensburgs Intendant Jens Neundorff nutzen die Chancen, mit anderen Opernhäusern eng zusammenzuarbeiten

Ans Sparen mag man vordergründig denken, wenn bei Operninszenierungen von Koproduktionen die Rede ist. Aber für Intendanten zählt vor allem auch der künstlerische Gewinn. Außerdem nutzen sie solche Zusammenarbeiten gerne, um ihr Haus international besser zu positionieren.

Koproduktionen an der Oper: Mit diesem Thema rennt man überall offene Türen ein. Absolute Chefsache ist es an der Bayerischen Staatsoper, dem Staatstheater Nürnberg und dem Theater Regensburg. „Dazu äußert sich nur der Intendant“, heißt es einheitlich. Wenn sich der dann Zeit nimmt, wie Peter Theiler in Nürnberg, ist man überrascht vom Stellenwert, den Koproduktionen in Planung und Realisierung an bayerischen Opernhäusern haben.
Peter Theiler hat über dem Bühneneingang am Richard-Wagner-Platz nicht nur das Schweizer Wappen „Konsul“ hängen – was die Oper in seinem Drei-Sparten-Haus angeht, denkt er generell international. Und will in erster Linie eigentlich nicht übers Geld reden, wie dies staatliche oder städtische Politiker zu tun pflegen. Denen kann er mit durchschnittlich zwei Opern-Koproduktionen pro Spielzeit nicht nur eine Ersparnis von 20 bis 25 Prozent pro Premiere präsentieren. Sondern hauptsächlich einen gesteigerten Bekanntheitsgrad seines Hauses und gleich der ganzen Metropolregion. Hinzu kommen die internationalen Kontakte, die Vernetzung seiner Mitarbeiter: vom technischen Direktor bis hin zu Bühnenbildnern, Beleuchtern, Kostümwerkstätten.
Bestes Beispiel ist der neue Othello zum Verdi-Jahr, mit dem Theiler seine langjährige Zusammenarbeit mit Bordeaux fortsetzt: Das sei „eines der schönsten Opernhäuser der Welt, erbaut von König Louis XVI. Und genauso wie in Nürnberg ohne Seiten- und Hinterbühne.“ Für die Neuinszenierung, die in Nürnberg in der Regie von Gabriele Rech am 5. Oktober herauskommt, baut Bordeaux die Bühnenbilder, schneidert die Kostüme. Das entlastet in Franken mit bis zu 4000 Arbeitsstunden die Werkstätten, die von den jährlich acht Opernpremieren ohnehin nur sechs schultern können. Ohne die Koproduktion müsste man Arbeit outsourcen, was nicht gerade leicht ist bei diesem sehr spezialisierten Gewerbe.
Das ist der Punkt, der auch Regensburgs neuen Intendanten Jens Neundorff von Enzberg interessiert: Kooperation bedeutet ihm gleichfalls möglichen Freizeitausgleich für die Werkstätten-Mitarbeiter. Neundorff bringt Erfahrungen aus Braunschweig mit und ist dabei, mit geradezu missionarischem Eifer einen Kreis von Kollegen in Salzburg, Luzern und Meiningen für Koproduktionen zu begeistern. Er selbst plant zunächst eine Kooperation mit der „Münchener Biennale“, nämlich die Uraufführung von Samy Moussas Oper Wüstung – Nach der Wahl ist vor der Wahl (Regie: Christine Mielitz).

Kompatibilität muss sein

Aber auch hier gilt als Voraussetzung: Die Spielstätten müssen kompatibel sein. Peter Theiler hat für Nürnberg längst die auf den Meter passenden Partner gefunden: neben Bordeaux besonders Straßburg und das attraktive, goldglänzend wiedererstandene Teatro La Fenice in Venedig. Nächstens wird Toulouse mit Arabella dazukommen. In der letzten Spielzeit wanderte einer der erfolgreichsten Nürnberger Koproduktionen, La Traviata, in der Regie von Peter Konwitschny und mit 99 Prozent Platzausnutzung von Graz über Nürnberg zur English National Opera in London, geht nächstes Jahr wieder nach Nürnberg, um schließlich im Theater an der Wien zu landen – eine Erfolgsgeschichte.
Auch mit der Produktionsschmiede des Festivals Aix-en-Provence, die inzwischen ganz Frankreich mit ihren Festspielproduktionen beliefert, war Theiler schon im Gespräch (Rigoletto).
Den Intendantenkreis, den Jens Neundorff sich erst aufbaut, hat Theiler längst: die Berufskammer für Opernintendanten in Paris. Dort tauscht man sich aus, erkundet die Spielpläne und sucht, wo sich etwas überschneiden könnte – und zwar schon bis zur Spielzeit 2016/17. Der Intendant plant und garantiert, dass die Zusammenarbeit funktioniert: mit dem (auch in seinen Unzulänglichkeiten) passenden Haus und mit dessen ästhetischem Credo. La Traviata hat gezeigt, dass man sich auch mit Stagione-Häusern verzahnen kann, die eine Produktion nur für einige Aufführungen in schneller Folge buchen.
Selten passiert es, dass ein Haus aus einer geplanten Koproduktion dann doch wieder aussteigt: Marseille glaubte, Götter im Altersheim und der Blick aufs olympische Klo seinem Publikum nicht zumuten zu können – ausgerechnet bei dem französischen Stück Orpheus in der Unterwelt und einer französischen Regisseurin, Laura Scozzi.
Aber gerade das finden Theiler und Neundorff mit ihrem Faible für Kooperationen so interessant: Menschen zusammenzubringen, Mentalitäten kennenzulernen. Natürlich schaut man sich dann auch die eigene Inszenierung in Frankreich oder Italien an, will wissen, wie das Publikum dort reagiert. Und liest in der örtlichen Presse, dass Nürnberg nicht mehr nur für Bratwürste oder die „Prozesse“ steht, sondern auch für „tolles Operntheater“.
Und wenn man dann noch drei Partner zusammenbringt, gibt es Zuschüsse aus Brüssel. Da muss sich dann zwar die Verwaltung durch Pakete von Antragsformularen wühlen, aber nächstens werden Nürnberg, Toulouse und Belfast damit den Anfang machen – das „europäische“ Anliegen der Zusammenarbeit muss nur irgendwie im Projekttitel vorkommen.
Man merkt an den Städtenamen: die Koproduktions-Intendanten denken in verschiedenen Ligen. München sieht sich mit seinen acht Koproduktionen im laufenden Spielplan und zwei neuen in der Saison 2013/14 (Frau ohne Schatten, Die Macht des Schicksals) in einer Ebene mit New York, Mailand, London. Nürnberg weitet seine vielen Frankreich-Kontakte jetzt noch nach Irland oder Stockholm aus, Regensburg bezieht auch Theaterstädte in der Nachbarschaft mit in die Überlegungen ein, die kein eigenes Musiktheater haben (Ingolstadt, Fürth) und hat auch die vielen Opernhäuser im Süden Europas im Blick, wo viele herrliche Theater viel zu wenig bespielt werden, weil man sich dort kaum eigene Produktionen leisten kann. Dann kommt eben der große Sattelzug mit Containern: Es werden Rameaus Barockoper Platée und – wenn das Bühnenbild nicht doch zu aufwändig ausfällt – Mozarts Zauberflöte eingepackt. Zum Aufbau fahren der Bühnenmeister und der Beleuchtungschef mit – Bühnenleute kommen überall zurecht.

Politischer Effekt

Und das Nürnberger Publikum nimmt verwundert zur Kenntnis, dass Regiearbeiten von Peter Konwitschny, Robert Carsen oder nächstens Calixto Biejto plötzlich in Franken zu sehen sind.
Von „Import“, der das europäische Niveau einebnet, wollen Theiler und Neundorff da überhaupt nicht reden: Opern-Koproduktionen seien keine Einbahnstraßen, man kaufe sie nicht ein wie im Supermarkt, man könne auch politisch etwas mit ihnen bewirken und die Partnerstädte einander näherbringen: im Falle Nürnbergs Nizza und Krakau. Der Schüleraustausch hat da vieles vorgemacht, jetzt kommt der Sängeraustausch dazu. Koproduktionen laufen sowieso in der Opern-Originalsprache. Oder man bekommt, wie die Nürnberger, mit der venezianischen Zusammenarbeit noch die mit dem dortigen Palazzetto Bru Zane als Zugabe, dem Forschungszentrum für die romantische Oper Frankreichs. Das ist eine internationale Vernetzung, an die früher nicht zu denken war. (Uwe Mitsching)

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