Kultur

In acht Kategorien unterteilt die Bayerische Staatsbibliothek ihr Angebot fürs iPad. Weil es sich an die internationale Nutzergemeinde wendet, sind die Navigationstexte durchgängig englisch. (Foto: BSB)

20.08.2010

Ottheinrich macht Lust auf Apps

Die Bayerische Staatsbibliothek stellt als erste Universalbibliothek ihre Schätze in den Apple-Store

Designer sollten rasch ein neues Piktogramm kreieren: das Schild „Handy verboten“ ist nämlich überholt. „In unserem Lesesaal ist damit eigentlich gemeint, dass man nicht laut telefonieren, die Ruhe nicht stören soll“, präzisiert Klaus Ceynowa, „nicht aber, dass man es generell nicht benützen darf.“ Längst ist es einen eigenen Hinweis wert, dass man mit einem Handy „auch“ telefonieren kann – mehr und mehr erweist es sich als smarter Helfer für alle möglichen Dienste.
So auch im Lesesaal der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB): Wer Nachschub aus den Printbeständen der BSB braucht (9,5 Millionen Titel und 55 000 Zeitschriftenabonnements), kann sich übers Handy gleich im OPAC (Online Public Access Catalogue) einloggen und die Bestellung abgeben, und sich das Werk dann in einer Kaffeepause abholen; wer Bücher vormerken oder verlängern will, kann das gleichermaßen handhaben. Und wer beim Arbeiten im Lesesaal im Internet recherchieren will, tut das eben auch via Handy.
„Schon heute werden gut drei Viertel aller OPAC-Anfragen von außerhalb erledigt“, sagt Ceynowa, der Stellvertreter von BSB-Generaldirektor Rolf Griebel und im Haus der Digital-Experte. „Wir werden heuer noch weitere unserer festen OPAC-Stationen im Haus abbauen.“

Frühes Experiment

Nur um den kurzzeitigen Boom einer neuen technischen Spielerei wird es sich bei der veränderten Handynutzung wohl nicht handeln: Jenseits werbender Herstellerprognosen gehen auch seriöse Trendreports wie die Delphi-Studie 2030 unter anderem des Münchner Kreises davon aus, dass das mobile Web die Nutzung über stationäre PCs bald überholt haben wird. „Egal, ob das in 5, 7 oder zehn Jahren sein wird, das Web der Zukunft ist auf jeden Fall mobil“, bekräftigt Klaus Ceynowa, „und es gehört zu unserer Strategie als eine der weltweit führenden Universalbibliotheken, frühzeitig mit dem mobilen Web zu experimentieren. Wenn sich das Verhalten unserer Nutzer wandelt, dann müssen wird das rechtzeitig ebenfalls tun.“

Smarte Handlanger

„Handlanger“ des mobilen Web sind neben Laptops deren charmante kleinere Geschwister, die Netbooks, das Tablet „iPad“ und die Riege der „Alleskönner“-Smartphones. Bei letzteren manifestiert sich der Argwohn bildhaft vor Augen: Auch wenn die neuesten „Retina“-Displays wirklich gestochen scharfte Bilder liefern – aber bitte, wo ist die Lupe, um sich auf einer ganzen Website in Miniaturformat zurechtzufinden?
Klaus Ceynowa kann ein überlegenes Lächeln nicht verbergen, wenn er die OPAC-Nutzung auf seinem iPhone demonstriert: Wenn er die Website aufruft, „merkt“ der OPAC sofort, dass es sich um einen mobilen Zugriff handelt. Das System leitet automatisch weiter: Im Vergleich zur „offiziellen“ Website gelangt man zu einer verschlankten, in Inhalt und Design optimierten Anwendung. Die Oberfläche hat keinen „Schnickschnack“, ist auf wenige Eingabefelder und knappe Anweisungen zum nächsten Bedienschritt reduziert. Und alles in komfortabler Lesegröße.
Nicht nur für den Bestandskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek gilt diese eigens kreierte Anwendung, sondern auch fürs „Gateway Bayern“, den bayerischen Verbundkatalog von mehr als 120 Bibliotheken, darunter sämtliche bayerischen Universitäts- und Hochschulbibliotheken. Verlinkungen sind außerdem zu Google Books möglich, und natürlich zur „richtigen“ Website der Staatsbibliothek.
Aber da hört der Komfort auf: Man hat lediglich miniaturisierte Internetseiten vor sich, muss mit scharfem Blick und Fingerspitzengefühl die richtigen Stellen auf Lesbarkeit vergrößern. „In Arbeit! Vielleicht wird sie heuer noch fertig“, beeilt sich Ceynowa zu sagen: Auch die offizielle Homepage der BSB wird für eine Anwendung speziell fürs Smartphone umprogrammiert.
Um möglichst vielen Nutzern die BSB-Dienstleistungen mobil anzubieten, hat man sich technisch für eine „generische Applikation“ entschieden: Diese arbeitet browserbasiert, ist damit nicht von Apple abhängig und läuft auf sämtlichen derzeit gängigen Smartphone-Betriebssystemen.
Anders beim neuesten „Knüller“ in Sachen „Staatsbibliothek digital“: Die „Famous books“ können mobil ausschließlich auf dem iPad oder iPhone durchblättert werden, dazu muss man sich in die (noch) geschlossene Apple-Welt begeben („native application“). Im „Apple-Store“ darf man sich unter „Apps gratis/Bücher“ allerdings kostenlos bedienen – es entstehen keine Zusatzkosten fürs Anschauen der 52 Bücher aus der Schatzkammer der BSB.
Pfalzgraf Ottheinrichs oder Gutenbergs Bibel, das Ehrenbuch der Fugger, die Corvinen, das Nibelungenlied, der Babylonische Talmud und viele Spitzenstücke mehr – diese prunkvollen Handschriften sind bereits am PC einsehbar: „Wir haben höchstwertige Digitalisate weltweit einmaliger Werke angefertigt, die wollen wir auf den maßgeblichen Plattformen der digitalen Welt zur Verfügung stellen“, sagt Klaus Ceynowa. „Das sind zum einen die verschiedenen Internetportale wie die Deutsche Digitale Bibliothek, die World Digital Library oder die Europeana. Zum anderen sind die nun verfügbaren mobilen Geräte mit ihren hochauflösenden und farbbrillanten Displays dafür wie geschaffen. Das iPad ist der ideale E-Reader.“
Nun kann man also übers iPad-Display streichen, in den farblich exzellent abgebildeten Prachtbänden blättern, sieht im „Coverflow“ die Seiten vorbeifliegen, kann sich von Seite 1 zu Seite 60 mit einem Fingertipp zappen, ohne erst alle Seiten dazwischen einzeln umblättern zu müssen – die Auswahl einer interessanten Stelle erleichtert eine Leiste mit allen Seiten als Thumbnails in chronologischer Folge am unteren Bildrand. Das Ganze sieht man etwa im DIN A5-Format – dreht man das iPad vom Hoch- ins Querformat, wird automatisch der passende Darstellungsmodus aktiviert. Man kann sich natürlich auch „händisch“ hineinzoomen, kann Details der Buchmalerei studieren, vergleichen, wie Löcher im Pergament früher vernäht wurden und wie sie heute repariert werden, oder kann sich über Fraßspuren von Mäusen ärgern.

Jenseits der Apple-Welt

„Anfangs hatten wir das in einer Auflösung, dass selbst kleinste Details der Illuminationen gestochen scharf auf dem Display zu betrachten waren. Auch wenn unsere Digitalisate das alles hergeben, haben wir uns dann doch für eine praktikable Auflösung entschieden. Die Ladezeiten wären sonst einfach zu hoch“, erklärt Ceynowa.
Die iPad-Anwendung speziell für die Famous books hat die Staatsbibliothek gemeinsam mit einer privaten Online-Agentur erarbeitet – „zu sehr überschaubaren Kosten“, sagt Ceynowa und schließt einen weiteren – geringen – Posten nicht aus: „Wenn wir über den Tellerrand des Apple-Stores hinausschauen wollen, ist das alles relativ schnell auch für andere Plattformen programmierbar.“ Folgt man Ankündigungen der Branche, wird es nämlich in absehbarer Zeit nur so wimmeln von iPad-Epigonen – und das „offene“ System, wie es Google betreibt („Android“), überzeugt auch immer mehr.

Das Gewisse Etwas

Noch hat Apple mit dem iPad bei den „Tablets“ die Nase vorn – die Verkaufszahlen galoppieren davon: Kaum auf dem Markt, wurden allein in den ersten drei Monaten weltweit fast 3,3 Millionen davon verkauft, bis Jahresende soll sich die Zahl verdoppelt haben. Kommt erst noch die Konkurrenz hinzu, werden die Tablets vermutlich preisgünstiger – damit erweitert sich die Zahl potenzieller Nutzer.
Das Gratis-Angebot der Bayerischen Staatsbibliothek im Apple-Store ist bereits erfolgreich: „Sonst wären wir nicht seit dem Start im Juli kontinuierlich auf den vordersten Plätzen der Hitliste im iPad-Apple-Store“, argumentiert Klaus Ceynowa. Aktuell rangieren die „Famous books“ auf dem beachtlichen Platz 3 der Kategorie „Bücher“ – noch vor dem Magazin eines großen Autoherstellers und vor den großen eBook-Applikationen „Stanza“ und „Wattpad“. „Derzeit haben wir bereits rund 13 000 iPad-Downloads.“
Und die „User“ sollen noch mehr geboten bekommen: „Wir wollen spätestens in einem Jahr ein Update mit zahlreichen weiteren Spitzenwerken präsentieren“, verrät der stellvertretende BSB-Chef. (Karin Dütsch)

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