Kultur

Antigone (Ella Schulz) ist noch im Tod die wahre Heldin: Hier ein Ausschnitt aus einem Szenenbild, das Sie im Bietrag vollständig sehen. (Foto: Peter Litvai)

10.11.2017

Paranoider Diktator

Im Stadttheater Landshut überzeugt „Antigone“ mit erschreckender Aktualität

Theben will nicht zur Ruhe kommen. Zunächst herrscht dort Ödipus mit all seinem fluchbeladenen Schicksal. Dann bekriegen sich dessen Söhne Eteokles und Polyneikes, und zuletzt ist es deren Onkel, der neue König Kreon, der entgegen allen guten Brauchs und aller Menschlichkeit verbietet, den Polyneikes zu begraben. Weil der im Bürgerkrieg die Stadt angegriffen hat. Und weil Kreon glaubt, dass das, was er so daherbefiehlt, der Weisheit letzter Schluss ist, will er diesen Ukas nicht zurücknehmen. Ums Verrecken nicht.

Genau in diesem einsamen Beschluss eines Einzelnen aber liegt die Saat der Tyrannei. Weil das Irren menschlich ist, sind Gesellschaftskonstrukte zu bevorzugen, die Macht verteilen und auf diese Weise gravierende Fehlentscheidungen möglichst vermeiden.

Als Terrorist beschimpft

In Sophokles’ Stück Antigone aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. geht es unter anderem um genau das: um Entstehung und Funktionsweise eines diktatorischen Systems. Das Volk murrt nur heimlich und applaudiert dem Mächtigen; die, die widersprechen, werden als käuflich oder als Terroristen beschimpft oder gleich ganz beseitigt.

Wer jetzt im Landestheater Niederbayern sitzt und sich denkt: Da erkenne ich doch pfundweise Parallelen zur Gegenwart, sitzt goldrichtig. Denn Regisseur Oliver Karbus schafft es durch seine Neuübersetzung und Inszenierung des Stoffs im Landshuter Zelttheater, dessen immerwährende Aktualität zu zeigen – ohne aber irgendwie aktualisierendes Zierpflaster draufkleben zu müssen: Er dringt schnell und effizient in die Mitte des Stoffs vor, indem er Text und Botschaft ernst nimmt und in genau diesem Ernst unerschütterlich auf der Bühne platziert.

Weil Antigone das alte Recht der Götter über das neue Recht ihres Onkels Kreon stellt und Polyneikes trotz entgegenstehender weltlicher Rechtslage beerdigt, wird sie zum Tod verurteilt: ein Unrechtsurteil, das der Herrscher mit dem Verlust von Sohn und Frau büßen muss. Alle Ordnung wird zerstört – wie zuletzt auch das streng geometrische Bühnenbild von Markus Falkensteiner: Theben als gefängnisartige Festungsstadt, mit Zaun und Sandsäcken, Lautsprechern und einer Videowand, mit deren Hilfe Kreon sein autokratisches System installiert. Diktatorensprech im Antikensound.

Joachim Vollrath ist als Tyrann dieser zunehmend paranoid agierende Staatenlenker, der den Staat mit sich selbst verwechselt. Seine tapfere Gegenspielerin, sehr mädchenhaft und sehr kämpferisch zugleich, spielt Ella Schulz. Eine wunderschöne kleine Extraeinlage hat David Moorbach als furchtsam gebeutelter Wächter, wie überhaupt die Inszenierung durch stringente, präzise Schauspielführung gewinnt. So geht gutes Stadttheater. (Christian Muggenthaler)

Abbildung:
Kreon (Joachim Vollrath) trauert um Sohn und Frau; Antigone (Ella Schulz) ist noch im Tod die wahre Heldin. (Foto: Peter Litvai)
 

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