Kultur

„Suhlen mit Schweinen“, heißt die schauspielerische Herausforderung an Philip Dechamps als Julian. (Foto: Matthias Horn)

02.12.2016

Peinliches Grunzen

Pasolinis „Schweinestall“ im Münchner Marstall ist Avantgarde von vorgestern

Am Anfang scheint alles in Ordnung. Denn für artgerechte Tierhaltung ist gesorgt mit diesem Saustall im Marstall. Aleksandar Deni(´c), der auch für Frank Castorf Bühnenbilder baut, hat einen Bilderbuch-Schweinepferch ins Münchner Marstalltheater gestellt: ein Geviert mit aufgeschüttetem Stroh, einer alten Zinkwanne als Futtertrog und einem malerischen Weidenflechtzaun, der aussieht wie aus einem Bild von Brueghel.

Aber ach, die Öko-Idylle trügt! Was sonst auch, denn hier geht’s um Kunst. Es geht um Pier Paolo Pasolinis satirische Polit-Parabel Der Schweinestall – die bei diesem Wiederbelebungsversuch auf der Bühne den etwas miefigen Geruch der Avantgarde von vorgestern verströmt.

Das Stück von 1969 spielt 1967 im Großindustriellenmilieu Bad Godesbergs und handelt von dem 25-jährigen Kanonenfabrikantensohn Julian Klotz, der, das soll in diesen Kreisen ja vorkommen, eine etwas seltsame sexuelle Orientierung aufweist. Seine Neigung ist nämlich nicht auf Frauen gerichtet, sondern auf Schweine. Während seine Freundin, die er noch nie geküsst hat, zum Friedensmarsch der gerade aufkeimenden Studentenbewegung nach Berlin fährt, zieht es Julian vor, in abgelegene Schweineställe einzudringen, um dort mit den Viechern im Koben rumzugrunzen und wer weiß was zu treiben.

Seltsame Vorlieben

Natürlich ist das alles furchtbar symbolisch zu verstehen in Bezug auf die damals noch viel näheren Schweinereien der braunen Vergangenheit Deutschlands im Allgemeinen und der Kanonenfabrikantenväter im Besonderen.

Aber leider scheint dem kroatischen Regisseur Ivica Buljan die Vorlage so heilig, dass er keinen eigenen formenden Zugriff auf diesen krampfig-überanstrengten Text wagt. Also werden da Dialoge von einer so haarsträubenden Gestelztheit gesprochen, dass einem schon das Zuhören peinlich ist.

Zum Ausgleich grunzen und wühlen dann nach der Pause tatsächlich drei echte, rosige Schweine in dem Pferch herum und füllen den Begriff Rampensau mit ungeahntem Leben. Statt aber jetzt die Frage zu stellen „Welches Schweinderl hätten’S denn gern?“, entfesseln die Schauspieler mit Schlagzeug und anderen Instrumenten einen derart infernalischen Musik-Krawall, dass einem angesichts der bekannten Sensibilität dieser Tiergattung Angst und Bange wird, ob das nicht zu viel Stress für die armen Schweine ist, wenn man es schon als Mensch kaum aushält. Wobei zuzugeben ist, dass Juliane Köhler zu diesem Lärm eine beachtliche Punk-Performance hinlegt und mit unerwartet kraftvoller Stimm-Akrobatik Nina Hagen alt aussehen lässt. Dafür gab’s verdienten Szenenapplaus.

Spinoza im Pferch

Und auch die Schweine scheinen die Nummer unbeschadet überstanden zu haben. Wahrscheinlich kann sie als trainierte Bühnentiere nichts mehr erschüttern. Darum nehmen sie es auch ziemlich gelassen, wenn sich Philip Dechamps, der Darsteller des Julian Klotz, nackt zu ihnen in den Pferch begibt, auf allen Vieren rumkriecht und dann grunzend Bewegungen der sexuelleren Art vollführt. Bis auch noch die große Sibylle Canonica zu den Schweinen reinkraxeln und den großen Philosophen Spinoza spielen muss. Allerdings nicht nackt. Da hat sie nochmal Schwein gehabt! (Alexander Altmann)

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