Kultur

Glaubwürdig in ihren Rollen: Miko Greza als Pater Eberhard und Martin in der Rolle des Martin. Foto: Zitzlsperger

19.02.2010

Perfide Verführung

Missbrauch durch Kleriker: Das Theater Regensburg inszeniert Felix Mitterers „Die Beichte“

Eine Faschingspremiere war das nun wirklich nicht, dieses Stück über sexuellen Missbrauch durch Geistliche, Lehrer, Übungs- und Heimleiter. Aber das Theater Regensburg ließ sich von der Aktualität täglicher Meldungen leiten und setzte den Text von Felix Mitterer "Die Beichte" (2004, uraufgeführt in Telfs) auf das Programm seines Turmtheaters – der richtige Spielort. Schauspielchef Michael Bleiziffer nimmt sich des brisanten Themas selbst an und lässt von Sascha Gratza ein riesiges, schwer lastendes Holzkreuz auf die kleine Bühne wuchten. Auf dem wird am Ende des Einakters Martin, der Opfer und Täter zugleich ist, wie ein gekreuzigter Christus liegen. Mit Felix Mitterer (Jahrgang 1948) hat man den richtigen Autor für das Thema gefunden: mit einer lastenden Kindheit, verquerer beruflicher Karriere, dann aber seit 1970 mit erfolgreichen Beiträgen für Rundfunk, Fernsehen, Film, und Themen oft mitten aus dem bäuerlichen Leben heraus. Seit 1995 lebt er in Irland. Gerade dort mag er dem Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen begegnet sein. Das Programmheft jedenfalls zitiert den aktuellen "Spiegel": In katholischen Kinderheimen wurden in Irland „zwischen 1914 und 2000 etwa 35 000 Kinder geschlagen und missbraucht“. Am Ende des Programms fügt man „für Kinder und Jugendliche bei sexueller Gewalt in der Kirche“ noch eine Not-Telefonnummer an. Nein, am Telefon will der verheiratete Martin sein Problem nicht mehr lösen. Er entführt seinen Sohn, setzt ihn unter Schlafmittel und sucht diesen Pater Eberhard auf, einen alten Mann im Kloster und früher sein Verführer, sein Peiniger. Nach diesem Treffen will er sich und seinen Sohn umbringen. Er selbst hat sein Kind über Jahre hinweg sexuell missbraucht, die Ehefrau hat ihn dabei entdeckt – die Polizei sucht ihn schon. Da entspinnt sich dann ein Wechselspiel zwischen Opfer und Täter: Mal spielt Martin den Eberhard von damals im Kinderheim – dann übernimmt Eberhard die Rolle des kleinen, elternlosen Martin, der sich tief unter das Kreuz duckt, letzte Zuflucht sucht zur Muttergottes, deren Statue wie in einem Vogelkäfig eingesperrt ist: „Meerstern, ich dich grüße, oh Maria hilf!“, singt Martin. Jedem muss in diesem Stück geholfen werden: dem Priester von damals, der seine Liebe ausleben will, dem Priester von heute, den die Schuldgefühle nicht loslassen, dem Opfer, das trotz allen Missbrauchs seinem Peiniger wie ein treuer Hund nachlief und vor den Trümmern eines verkorksten Lebens steht, schließlich auch dem Opfer in der zweiten Generation. Aber Mitterer muss den Schluss offen lassen: Wie und ob alle drei Beteiligten mit ihrer Schuld und ihrer Opferrolle weiterleben können, erfährt man nicht. Stattdessen versuchen die Rückblenden das Ungeheuerliche und doch Alltägliche in seinen Gründen und Konsequenzen aufzudecken: die perfiden Verführungsmechanismen, die vermeintlichen Zärtlichkeiten, Rache und Erpressung – für die beiden Darsteller Miko Greza als Pater Eberhard, Michael Haake als Martin keine leichte Aufgabe. Michael Bleiziffer ist um Glaubwürdigkeit seiner Personen zu tun, nicht um große Gefühlsausbrüche. Es sind schwierige Wege, die die Schauspieler da über das Kreuz gehen müssen bei dieser Bestandsaufnahme von Scheußlichkeiten bis hin zum Missbrauch des eigenen Sohnes. Lamm und „reißender Wolf“ – einen Beschützer gibt es bei Mitterer nicht: „Gott? Er hat mich nicht beschützt vor seinem Stellvertreter auf Erden.“ Applaudieren mag man da kaum, höchstens dem Mut des Theaters Regensburg und den Schauspielern, die sich ohne jede Peinlichkeit ihrer Aufgabe gestellt haben, Anerkennung zollen. Realität und Wunschdenken, Liebe und Hass, am Ende getötete Kinder: Das ist auch das Thema von Nino Haratischwilis Medea-Bearbeitung Mein und dein Herz im Regensburger Theater am Haidplatz: Der verzweifelte Kampf einer jungen Frau in einer ungewohnten Umgebung mit tragischem Ende. Regensburgs Theater-Dependancen werden zum Ort – ganz aktueller Diskussion.

(Uwe Mitsching)

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