Kultur

13.02.2015

Philosophisch-surreale Bayern-Sause

Gerhard Polts "Ekzem Homo" an den Münchner Kammerspielen

Bedrohlich schwebt sie über den Köpfen der Zuschauer, die Riesentröte, die aus der Proszeniumsloge ragt und nur von einer Schnur gehalten wird. Denn es muss nicht immer ein Damokles-Schwert sein, ein Damokles-Alphorn tut’s auch. Jedenfalls überzeugt diese Installation durch unfreiwillige Selbstironie, denn wer Polt haben will, muss auch diesmal die unvermeidlichen Well-Brüder in Kauf nehmen: Mit veränderter Besetzung führen sie die Tradition der Biermösl-Blosn fort – jene Volksmusik harmlos-betulicher Aufmuckerei, die vor 35 Jahren provoziert haben mag und längst selbst zur provinziellen Folklore erstarrte („Schweinsbro’n für Europa, Schweinsbro’n für die Welt“). Aber sei’s drum, der jüngste Polt-Abend an den Münchner Kammerspielen ist trotzdem ein großes Vergnügen.

Im Mittelpunkt, der Mensch


Ekzem Homo heißt nicht umsonst mit einer Bibel- und Nietzsche-Anspielung diese philosophisch-surreale Bayern-Sause, in deren Mittelpunkt nichts Geringeres steht als der Mensch (lateinisch: homo). Über den erfahren wir etwa: „Religionen mögen ihn sehr gern. Und Fußpilze.“ Aber: „Es ist die Gesinnung, die den Menschen zum Grattler macht“, doziert Polt als breznessender Rentner und Reihenhaus-Besitzer namens Brezner, der seinen Enkel, den Geoffrey, genannt Bubi, zum „lupenreinen Demokraten“ zu erziehen gedenkt: „Ich sag immer, Bubi, Demokratie das muss man wollen.“
Doch egal ob Monarchie oder Demokratie – „ohne Beziehungen geht’s nicht“, denn „ohne Geld bist du kein Demokrat, da bist du ein Demograttler“. Auch die Aufregung um die „Dschalafisten“ soll der Bubi nicht so ernst nehmen, denn „das ist nichts Neues, umgebracht wurde immer“. Beispiel: „Die Indianer san von Haus aus umgebracht worden.“
Um diese Monstrosität des scheinbar Selbstverständlichen geht’s auch in anderen Szenen, wo Polt etwa als Feuerwehrhauptmann mit seinem Brandschutz-Furor denkmalgeschützten Häusern zu Leibe rückt oder den Amigo-Landrat gibt, der in der vergoldeten Badewanne Dom Perignon süffelt und seine völlig harmlosen Beziehungen zu Sparkassendirektoren erklärt, um sich am Schluss weinerlich selbst zuzuprosten: „Ich bin großartig, ich lebe hoch!“
Aber genau das ist ja immer schon die Kunst des Gerhard Polt: Er macht sich über die Figuren, die er darstellt, lustig, aber er nimmt ihnen nicht ihre Würde. Im Gegenteil, er zeigt sie als schwache, verletzliche Ungeheuer, in denen die ganze Tragik der Gattung aufschimmert: als Menschen eben. Insofern könnte sein gesamtes Lebenswerk den Titel tragen „Ecce homo“. Und obwohl die meisten Nummern diesmal bloß Variationen altvertrauter Motive bieten, obwohl der Abend etwas milder wirkt als frühere – Polt ist als solcher, also „anernfürsich“, einfach eine Naturgewalt.
Neben seiner auch nach Jahrzehnten stets verblüffenden und umwerfenden Bühnenpräsenz verblasst selbst ein so großartiger Komödiant wie Stefan Merki von den Kammerspielen, der als Stichwortgeber fungiert – und als „Nachbar“. Denn das etwas wohlfeile und RTL-affine Thema „Krieg am Gartenzaun“ soll dem Abend als vages dramaturgisches Gerüst dienen, das aber zum Glück nicht weiter ausgebaut wird, weil es für diese Nummernrevue gar nicht nötig ist. Dafür kommt das Allerbeste, wie so oft, am Schluss: Da tritt Polt in Frack und Zylinder vor den Vorhang, um mit österreichischem Akzent irgendwo zwischen André Heller und Helmut Qualtinger eine Art Conférence-Couplet mit Nestroy-Anklängen zu dudeln.

Drei Zugaben


Das ist dann einer jener großen Momente, die diesem Fundamentalkomiker immer wieder gelingen, wo Kabarett unversehens in Kunst umkippt, in ein ergreifend witziges Theater des Absurden, das fast beiläufig jede Art von Sinn und damit auch von Herrschaftsanspruch zerbröselt. Das begeistert jubelnde Premierenpublikum klatschte immerhin drei Zugaben heraus; und bei einer steuerte sogar Intendant Johan Simons, der als Regisseur dieses Abends firmiert, eine Gstanzl-Strophe auf Niederländisch bei. Soviel interkulturelle Harmonie lässt hoffen, dass der Mensch halt doch mehr ist, als nur ein Ekzem... (Alexander Altmann)

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