Kultur

Philosophisch angegraut, gebührend trottelig: Maximilian Schell als Kaiser Franz-Joseph. (Foto: Dashuber)

19.10.2012

Postkartenidylle mit Alpen und Deppen

Das Gärtnerplatztheater bringt "Im Weißen Rössl"

Wenn man vor dem WeißenRössl in den kalten Wolfgangsee springt, springt man in einen geheizten „In-lake-pool“. Ordentlich anheizen wollte offenbar auch Josef E. Köpplinger seine Einstandspremiere am Münchner Gärtnerplatztheater und im Theater-Zelt in Fröttmaning. Da wurde das Benatzky-Erfolgsstück nicht nur zur Fortsetzung vom Oktoberfest mit Blaskapelle und Schuhplattlern, sondern zur Fortsetzung der Berliner Varieté-Zeiten von 1930. Köpplinger bringt für München eine Revue in ihrer Urfassung auf die blinkende Bühne, die von Berlin und keineswegs vom Salzkammergut aus gedacht ist: Entfesseltes Varieté für ein Großstadtpublikum, das sich mit Abziehbildern und Postkarten begnügt. Hauptsache: schön bunt, unentwegt bewegt, mit schmelzenden Tenören, frivolen Hupfdohlen und einemIdeenfass zum Überlaufen.

Schmissig und schmusig

Köpplinger begibt sich damit in Konkurrenz zur kabarettistischenKultinszenierung im Münchner Lustspielhaus (Kinseher/Groebner). Und dabei ist seine Fassung zwischen dem putzigen Häusl mit Herz und dem Jageransitz, mit einer gemalten weiß-blauen Sommerfrischenidylle, mit einer Riesenpostkarte voller Alpen und Deppen wahrscheinlich näher am Original als jeder Peter-Alexander-Schmalz (Bühne: Rainer Sinell).
So war es denn ein Event mit Prominenten-Gästeliste und wo man in München doch wahrhaftig selbst einen „Kaiser“ hätte, leiht man sich dort einen aus. An Prominenz in der Franz-Josephs-Rolle kaum zu überbieten: Maximilian Schell, gebührend trottelig, philosophisch angegraut und allweil guter Laune bis zum frenetischen Schlussapplaus.
Dazwischen herzen Tenöre (Daniel Prohaska, Tilmann Unger) ihre Liebsten, voran die Rößl-Wirtin mit Habsburger-Profil (Sigrid Hauser). Für den Dessous-Junior Sülzheimer („Der schöne Sigismund“) hat man den Staatsschauspieler Michael von Au auf der Besetzungsliste. Er, sonst Prinz oder Ritter, spielt von allen am besten in dieser mitreißenden Mischung von Zirkus und Varieté ohne Geschmacksgrenze. Stramm die Wadeln der Urbevölkerung, knapp die Lederhöschen des Amouretten-Balletts, Schnürlregen-Gießkannen aus dem Schnürboden, der Wolfgangsee als wellentobender Tummelplatz für Paddelboote und das kaiserliche Dampfschiff: So hatte man sich operettig zuletzt bei Jérome Savary amüsiert.
Michael Brandstätter dirigiert das Gärtnerplatz-Orchester mit einem Schmiss- und Schmuse-Maximum. Wer bei so viel Gags noch Zeit für einen Gedanken hat, stellt fest: Wie sich die Bilder und Zeiten von 1930 und 2012 doch gleichen. (Uwe Mitsching)

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