Kultur

Luxuriöse Innenausstattung: Um 1800 zeugte diese Bauernstube aus Burgbernheim (Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim) mit ihrer Rahmen-Füllungs-Täfelung von gehobenem Lebensstandard. (Foto: Katalog)

13.08.2010

Pracht, Prunk, Protz

Eine Sonderausstellung im oberpfälzischen Freilichtmuseum Finsterau widmet sich dem Luxus auf dem Land

Die Wahl des Titels kann über Wohl und Wehe einer Ausstellung entscheiden. „Kotzen wie ein Hochzeitshund“, einer gängigen Redewendung nachempfunden, wäre nach Ansicht des Sprechers der ARGE Ausstellung Süddeutscher Freilichtmuseen und Leiters der Freilichtmuseen Finsterau und Massing, Martin Ortmeier, dem ebenfalls knalligen Pracht, Prunk und Protz vorzuziehen gewesen. Doch auch Pracht, Prunk und Protz zogen die Besucher zuhauf in die Ausstellung, die durch Bayern tourt und nun im Bayerischen Wald, im schönen Feilandmuseum Finsterau an der böhmischen Grenze angekommen ist. Obwohl, der kotzende Hochzeitshund hätte schon besonderen Reiz gehabt ...
Luxus ist relativ. Man versteht darunter Ausstattungen und Gegenstände, die über das Notwendige hinausgehen. Luxus meint „Sachen und Haltungen, die … vielleicht erstrebenswert, aber nicht für alle erreichbar sind“. Konrad Köstlin geht gleich zu Beginn in dem hervorragenden Katalog dem Wesen von Luxus nach: Luxus gibt Ansehen und Macht, bei einem Zuviel wird er zu einem Zeichen der Dekadenz.
Vom Luxus auf dem Lande, zumal im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert, hat so mancher heute keine Vorstellung mehr. Luxus waren kostbar aufgebrezelte Trachten, Gold- und Riegelhauben und silberne Charivaris, Luxus waren schönes Tafelgeschirr (häufig nie benutzt), aufwändige Stuben mit bemalten Möbeln oder auch nur ein Spiegel im Haus. Luxus entstand daraus, dass man es sich über das Notwendige hinaus leisten konnte, Dinge zu gestalten, zu verschönern und zu verzieren.
Sichtbar wird das in den drei Kapiteln, in die sich die Ausstellung gliedert: Luxus am und im Leib, wozu natürlich Festtage und besonderer Hausrat zählen, Luxus am Haus und Luxus im Haus.
So entwickelte sich der Luxus von der Notwendigkeit zum Dekor, exemplarisch nachzuvollziehen am Kantholzblockbau in Teilen Bayerns, Österreichs und Böhmens. Der Schrot (ein Balkon an Wohnhaus oder Wirtschaftsbau, eine offene Laube vor einem Obergeschoss oder einem Stockwerk) wurde im Laufe der Zeit vom luftigen Wirtschafts- und Aufbewahrungsraum am Blockbau zum zweckentfremdeten und repräsentativen „Schaubalkon“. Dieses Kapitel gehört zum interessantesten Teil der Ausstellung und sei besonders denen ans Herz gelegt, die den Bayerischen Wald mit gesichtslosen Häusern vollgebaut haben und das noch immer tun. Hier sowie bei den wenigen noch erhaltenen Schopfwalmdachhäusern in Böhmen ließe sich die Basis für eine Architektur in der Region finden, die den Namen auch verdient.
So empfiehlt sich diese Ausstellung nicht nur, was den in noblen Vitrinen zu bewundernden ländlichen Luxus angeht, sondern als Besinnung auf die kulturellen Wurzeln Bayerns und zur Erkenntnis, dass hier sehr wohl einmal eine Tradition vorhanden war. (Ines Kohl)

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