Kultur

In den vergangenen 30 Jahren kamen zu den Lesungen der insgesamt 1278 Schriftsteller über 300 000 Zuhörer. (Foto: Erich Malter)

03.09.2010

Premiere für die Bestseller von übermorgen

Seit seiner Gründung im Jahr 1980 wandelte sich das Erlanger Poetenfest vom beschaulichen Lesezirkel zur bedeutenden Literaturveranstaltung

Als im Sommer des Jahres 1980 im idyllischen Burgberggarten in Erlangen eine Handvoll nordbayerischer Schriftsteller vor 500 literarisch Interessierten ihre oft noch nicht veröffentlichten Texte lasen, hätten weder die Initiatoren noch das Publikum damals vorauszusagen gewagt, dass mit diesem „1. Erlanger Poetenfest“ eines der wichtigsten deutschsprachigen Literaturfestivals aus der Taufe gehoben worden war.
Jetzt, 30 Jahre später, blickt das mittlerweile etablierte und höchst renommierte „Erlanger Poetenfest“, das seit 1993 im Schlossgarten auf der grünen Wiese residiert, zu seinem Jubiläum auf eine Tradition zurück, die ihresgleichen sucht. Nicht nur lasen in Erlangen spätere Georg-Büchner-Preisträger oder gar eine Nobelpreisträgerin wie Herta Müller, gaben sich Preisträger des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ein Stelldichein oder debütierten Dutzende von jungen Autoren beim Poetenfest mit Lyrik und Prosa und fanden gar ihren ersten Verleger. Sondern es fanden sich in den 30 Jahren mehr als 300 000 Zuhörer zu den Lesungen und Diskussionen der insgesamt 1278 Schriftsteller und Essayisten ein. Eine stolze Bilanz also, die in diesem Jahr das bayerische Kultusministerium erstmals mit einem Zuschuss von 15 000 Euro (bei einem Gesamtetat des Festivals von 150 000 Euro) honorierte und welche die IHK Mittelfranken mit ihrem 10 000 Euro starken Kulturpreis bedachte.
Den Auftakt gab in diesem Jahr wiederum eine vom Bayerischen Rundfunk veranstaltete lange Lyrik-Nacht, die lyrische Leicht- und Schwergewichte miteinander konfrontierte: Da trafen DDR-Autoren wie Volker Braun und Durs Grünbein auf die Hip-Hop-Generation von Thomas Meinecke und Ulrike Almut-Sandig, die sich als lyrisches Lena-Pendant entpuppte und girliehaft ihre poetische Befindlichkeit ausstellte, während Raoul Schrott kenntnisreich ethnologische Liebeslyrik aus sieben Jahrtausenden vorstellte.
Dass die Bürde einer ausgereiften Biografie der Leichtigkeit des jugendlichen Seins auch literarisch noch immer überlegen ist, stellten die einstigen DDR-Schriftsteller Volker Braun und Hans Joachim Schädlich ebenso unter Beweis wie der in Israel geborene Publizist und Romancier Rafael Seligmann: Ob in Vers oder Prosa, als Tagebuch oder Essay gerinnt ihnen deutsche Geschichte zu Literatur, die nicht nur etwas zu sagen hat, sondern dies auch höchst vollendet sprachlich in Form und Stil zu gießen versteht.
Die literarische Provinz kam bei der Podiumsdiskussion „Franken und die Welt“ nicht zu kurz, bei der es um die „Rolle der Region in der literarischen Öffentlichkeit“ ging. Dabei erteilten die aus dem Frankenwald stammende Dramatikerin Kerstin Specht und die Nürnberger Autorin Christiane Neudecker ihrer Heimat eine Absage, als sie eine „literarische Heimat“ für sich in Anspruch nahmen, die nicht durch provinzielle Provenienz, sondern durch Qualität besticht. Dagegen führte der im heimischen Dialekt schreibende Helmut Haberkamm das Idiom der fränkischen Mundart ins Feld, die auch nicht aufs Maul gefallen ist, sich freilich sprachlich auf die Region beschränkt, die man nicht mit „literarischer Provinz“ gleichsetzen sollte.
Dem Interesse des Publikums taten solche Feinsinnigkeiten keinen Abbruch: Unter alten Bäumen lauschte es wahlweise ergriffen oder erheitert, gespannt oder zuweilen auch gelangweilt den Dutzenden von Dichtern, die aus ihren neuen Texten lasen und ihr Publikum ganz ohne Internet in die virtuellen Welten der Fantasie entführten. (Friedrich J. Bröder)

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