Kultur

Teuflisches Monster-Stelldichein: Illustration aus "Consolatio peccatorum seu processus Belial", 1461 von dem italienischen Kanonisten und Bischof Jacobus de Theramo verfasst.(Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

17.07.2015

Prickelnde Schauer

Das Germanische Nationalmuseum zieht mit seiner „Monster“-Ausstellung in ein Bestiarium der Abgründe hinein

Wenn man durch die Nachbildung des riesigen Höllenmauls des römischen Palazzo Zuccari die Ausstellung betritt, fühlt man sich an Dantes unheilschwangere Prophezeiung aus dem Gesang Das Höllentor seines Inferno erinnert: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Das Grauen ist allgegenwärtig und verlässt den Besucher bis zum Ausgang aus dem düsteren Labyrinth nicht mehr, das die eindrucksvolle Kulisse für die große Sonderausstellung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg bildet. Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik ist dieser grandiose Gang durch die Kulturgeschichte der Drachen und Dämonen, der Basilisken und Gorgonen, der schlangenhaarigen Medusen, der Menschenfresser und Vampire, der Einhörner und Seeungeheuer, der Werwölfe und der Wilden Kerle betitelt.

230 Objekte, davon 80 Leihgaben großer europäischer Museen, umkreisen das dunkle Kapitel menschlicher Einbildungskraft, der Phantasien und Phantasmagorien, der Spukgestalten und Gespenster, der Nachtmahre und Albträume – der Ungeheuer also, die „der Schlaf der Vernunft gebiert“, wie sie Goya in seiner Radierung (1799) an die Wand malte.

Mit Gemälden, Grafiken und Zeichnungen, mit Skulpturen, Buchmalereien, Möbeln und Tapisserien, mit Filmen und Fotografien illustriert die opulente Schau ein Thema, das in dieser kulturgeschichtlichen Breite so noch nie in Deutschland von einem Museum aufbereitet wurde. Ein Bestiarium der Abgründe der menschlichen Seele, bevölkert von Fabelwesen, halb Tier, halb Mensch, von Zentauren und schweinsköpfigen Geschöpfen; Darstellungen und Abbildungen, die auch vor Obszönitäten und Blasphemien nicht zurückschrecken, wie etwa des „Papstesels“ aus Martin Luthers Pamphlet Abbildung des Bapstums von 1545, die eine barbusige, ganzkörperbehaarte Frau mit Eselskopf zeigt.

Wie wohl überhaupt dem zeitgenössischen Betrachter Abbildungen der Sünde und des Laster immer wieder prickelnde Schauer der Lust und der Angst über den Rücken gejagt haben.

Lust am Abnormalen

Die sinnlichen Verlockungen und erotischen Verführungen in dieser Bilder- und Bücherschau demonstrieren denn auch augenfällig die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Monster: Der leitet sich nämlich aus dem Lateinischen „monstrare“ her; das „Monstrum“ weist also auf das von der Norm Abweichende hin, zeigt und de-monstriert das von der Norm Abweichende und stellt es zur Abschreckung, freilich auch zur (uneingestandenen) Faszination, öffentlich zur Schau. So etwa Franz von Stucks Medusa: der Kopf einer schönen Frau, deren Haare jedoch aus sich lüstern windenden Schlangenleibern bestehen. Oder Edvard Munchs Bildnis des Vampir, das den todbringenden Blutsauger als Akt in inniger Umarmung mit seinem Opfer zeigt – ein Motiv, das Max Beckmann in seinem Bild Vampir unverhohlen zum Geschlechtsakt umdeutet.

Plakate der zahllosen Dracula-Verfilmungen, an deren Anfang Murnaus berühmter Stummfilm Nosferatu (1922) steht, zeigen den Einzug der Monster ins Kino. Die Banalisierung und Trivialisierung des Monsters und sein Einzug in den Alltag endet im Comic, in der Karikatur und im Kinderbuch, wo das Monster in Gestalt des Drachen oder des Dinosauriers zum umkuschelten Plüschtier, zum Playmobil-Spielzeug aus Plastik oder zum Krümel-Monster in der Sesamstraße wird.

Nicht zu unterschätzen sind die Monster in der Kindererziehung, wo eine schwarze Pädagogik Furcht einflößend und Angst machend auf ihre erzieherische Wirkung setzt, wofür letztlich auch der Struwwelpeter herhalten muss.

Die wahrhaft monströse Ausstellung sperrt, um nicht im Uferlosen zu enden, die längst auch virtuell gewordenen Schreckgespenster aus, die im Internet geistern oder in Computer- und Killer-Spielen ihr unsägliches Unwesen treiben. Aber auch in der Wirklichkeit kann man ihnen immer noch begegnen: im Karneval und auf dem Oktoberfest, wo sie oft nicht von den Gästen und Besuchern zu unterscheiden sind. (Fridrich J. Bröder)

Bis 6. September. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Di. bis So. 10 – 18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. www.gnm.de

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