Kultur

Merkur auf der Weltkugel (2005). (Foto: VG Bild-Kunst)

04.03.2011

Rätselhaft archaisch

Kunsthalle Jesuitenkirche zeigt Plastiken und Grafiken von Markus Lüpertz

Markus Lüpertz (Jahrgang 1941) gilt als deutscher Malerfürst der Gegenwart. Doch auch als Plastiker und Grafiker hat er Herausragendes geschaffen: unter dem Titel Sagenhaft nun in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg zu besichtigen. Das Motto bezieht sich einerseits auf den mythologischen Hintergrund der Figuren Lüpertz’, andererseits aber ist es auch ein wertendes Prädikat.
Selbstbewusstsein gegen Widerstände? Darauf verweist wohl der Untertitel „Malerentgegnungen“: Lüpertz deutet bekannte Motive um, sieht sie neu, und wenn man sich an die Protestaktionen (etwa in Augsburg) gegen seine Groß-Skulpturen erinnert, so hat der Künstler Widerspruch sehr wohl provoziert. Damit regt er zum Nachdenken an. Als Prozess des Hinterfragens des Gewohnten ist das mittels des zeichnerischen Œeuvres und der Bozzetti, der kleinen Bronzen zu den Großplastiken zu verfolgen.
Lüpertz hat das Werden einer Skulptur mit zahlreichen Entwürfen und Skizzen stets begleitet. So umreißt er mit Kaltnadelradierungen die Konturen, legt grafisch das geometrische Gerüst einer Figur fest, untersucht mit großen Farbholzschnitten deren Gewichtung. Bronzen überzieht er mit bunten Farbflächen, betont damit deren krustige Oberfläche. Das geschieht der Aussage wegen – hat aber auch den Nebeneffekt, dass jede Bronze ein singuläres Stück wird.
In der Ausstellung werden öffentliche Großprojekte in ihrem thematischen Gehalt durch die Vorarbeiten verständlicher. Das beginnt mit Clitunno, der Gestalt eines Flussgottes: Er ist eine rätselhaft archaisch lächelnde Figur, die Beine im Wasser, eine Hand wie lockend erhoben, die Körperformen von geometrischer Strenge.
Lüpertz schafft Gegenständliches, um den abstrakten Gehalt einer Figur herauszufiltern. Deutlich wird dies auch bei Parsifal, frontal gezeigten Köpfen auf großformatigen Monotypien, von einer abstrakten Form, einem Gittermuster eingefasst und oft durchdrungen. Auf den kleineren Linolschnitten dazu ist ein weiteres Motiv zu erkennen: Tränenspuren. Sie sollen an den Schmerzensmann erinnern und verweisen auf Parsifal als Christus-Nachfolger – auf einen, der im Verzicht auf Frauen die Last des Lebens erträgt. Die Darstellung lässt auch an einen Abdruck wie auf dem Schweißtuch der Veronika denken.
An Daphne interessierte Lüpertz ihre abwehrende Körperhaltung, weshalb er weniger die Verwandlung in einen Baum als das sich Winden in den Vordergrund rückte. Aphrodite ist bei Lüpertz kraftvoll, muskulös, scheint dadurch gedrungener und grob: Ein bewusster Gegensatz zum heutigen Schönheitsideal; außerdem hat ihr Bozzetto ein schamrotes Gesicht.
Lüpertz liebt starke Frauen. Auch Judith, im plakativen Holzschnitt eine Riesenfigur, ist eine Powerfrau. Konsequent dann die Darstellung des Paris bei seinem Unheil bringenden Schönheits-Urteil: Mit seinem Schürzchen erscheint er lächerlich, eitel, linkisch und im Gesichtsausdruck etwas minderbemittelt. Dagegen sind die drei Grazien, als Bronzen brutal auseinandergeschnitten, auf den Radierungen eng zusammengehörige, starke Frauen.
Und der von Lüpertz hoch geschätzte Mozart, in antiker Nacktheit im Kontrapost, besitzt überraschenderweise weibliche Formen, wirkt geschlechtslos androgyn; Punkte auf den Konturlinien der Grafiken verleihen rhythmische Struktur.
Auf der Empore der Jesuitenkirche ist das Projekt Merkur in diversen Entwicklungsstufen zu verfolgen, gezeichnet als vor Kraft strotzende Figur, plastisch dargestellt auf der sich drehenden Weltkugel, die ihre schnelle Bewegung an den Körper weitergibt. Einmal mehr: Lüpertz will die mythologischen Gestalten immanente Aussage verdeutlichen. (Renate Freyeisen)

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