Kultur

Noch bis 27. Oktober feiert die Stadt Ansbach das zehnjährige Bestehen der Skulpturenmeile. In dieser Zeit prägen die Figuren der Installation "Der Künstler Kaspar Hauser" das Stadtbild. Interessenten können die Figuren von Ottmar Hörl anschließend zu einem Subskriptionspreis für 500 Euro kaufen – wenn bis dahin nicht schon alle gestohlen oder geschmolzen sind. (Foto: Stadt Ansbach)

09.08.2013

Rätselhafte Findlinge

Dietmar Hörl präsentiert in Ansbach zum zehnjährigen Bestehen der Skulpturenmeile 150 Kaspar-Hauser-Figuren

Der Ansbacher an sich und auf der Parkbank im Hofgarten sagt es ehrlich: „Möchte ich nicht im Wohnzimmer haben. Da steht bei mir der Markgraf.“ Ob’s der Wilde ist, verrät er nicht. Ins Ansbachische Wohnzimmer stellt Ottmar Hörl, Präsident der Nürnberger Kunstakademie, seine kleinen schwarzen Männchen auch nicht, aber 150 Mal entlang einer Ansbacher Kunstmeile, der zehnten inzwischen. So war es zumindest gedacht. 150 Stück und alle gleich, plante Hörl, aber die Hitze derzeit und vielleicht doch nicht so ehrliche Ansbacher dachten anders:

25 Stück sind schon gestohlen, und bei manchen dieser 110 Zentimeter großen Kaspar-Hauser-Figuren ist der Kopf schon bedenklich zur Brust gesunken. PVC wird leicht weich. Und die vorwitzigen Bachwöchner von Rhein und Ruhr in ihren bunten Sommer-Stoibern aus reinem Leinen tupfen das einstige Nürnberger Findelkind, das „Kind von Europa“, auch gerne mal ein bisschen auf seinen Zylinder: schon wieder ein Zentimeter kleiner, Schluss mit der seriellen Gleichheit.

Feinde sind Hitze und Diebe

Die große Serie ist Ottmar Hörls Markenzeichen: Einst der grüne Dürer-Hase auf dem Nürnberger Hauptmarkt und danach der Karl Marx zu Hause in Trier. Jetzt parallel Richard Wagner in seinen Lieblingsfarben in Bayreuth, dirigierend in Konkurrenz zu Thielemann, und der in Ansbach ermordete Kaspar Hauser zwischen Orangerie und seinem Museum. Dort überall steht er allein oder in Gruppen, aber immer mit dem Notenständer vor sich. Nicht dass er’s besonders mit Bach gehabt hätte oder zur Bachwochen-Symbolfigur taugen würde. Aber zeichnen und malen konnte er ganz wunderhübsch: nach einer Vision (1828) oder nach der Natur – Blumen, Früchte. Die sieht man fest laminiert vor jeder Figur – wie ein Notenblatt, wie die Partitur, die sein kurzes und geheimnisvolles Leben schrieb.

So präsent war trotz Museum und Festspielen dieser Kaspar Hauser in Ansbach nie. Er ist durchaus keine touristenwirksame Dekoration wie vielleicht der Wagner in Bayreuth, sondern Hörls noch 125 Figuren sind wie ein Haken im Ansbacher Fleisch, besser: im Hirn. So nachdenklich wie dieser kleine, als rätselhafter Findling bekannte Kerl mit seinen verschränkten Armen und in der Kleidung seines Todestags dasteht und niemanden anschaut. Man muss sich schon bücken, wenn man ihm in die Augen sehen will. Auch wenn der Parkbank-Ansbacher das nicht will, man könnte sich diesen PVC-Kaspar tatsächlich ins Wohnzimmer stellen: für 500 Euro und gleich zum Mitnehmen. Da mag Hörl (Jahrgang 1950) hoffen, dass sein Kaspar Hauser und die Ansbacher allgemeine Verunsicherung bis zum 27. Oktober wieder aus dem Ansbacher Stadtbild verschwunden sind, 180 Jahre nach seinem Tod. (Uwe Mitsching)

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