Kultur

Der Schuss aus der Loge mit dem Bösewicht (Pius Maria Cüppers) und der schönen Unbekannten (Nicola Lembach). (Foto: Bührle)

15.02.2013

Rasanter Comic-Stream

Nürnberger Publikum bejubelt die Hitchcock-Parodie "39 Stufen"

Hitchcock, der „Meister des Suspense“, der Spannung und des Nervenkitzels, auf der Bühne? Geht das – und vor allem gut? Das Staatstheater Nürnberg tritt den Beweis an, dass ein von Alfred Hitchcock verfilmter Agententhriller auch im Theater funktionieren kann. Hitchcocks Meisterwerk Die 39 Stufen (1935 in England gedreht) geraten in den Kammerspielen zum furiosen Bühnenspaß mit allem drum und dran: Morde, Verfolgungsjagden mit haarsträubenden Stunts, verführerische Damen und schreckliche Bösewichter, vertrottelte Provinzpolizisten, ein Denksportler und mitten drin der einsame Detektiv, der hinter allen her ist – und hinter dem alle her sind.
Regisseurin Petra Luisa Meyer zieht alle Register und Requisiten – und landet eine umjubelte Hitchcock-Parodie, die auch vor derbem Klamauk, schriller Karikatur und zweideutigen Kalauern mit Sprechblasen-Niveau nicht zurückschreckt: Ein Comic-Stream, in dem sich die Ereignisse und die Schauspieler buchstäblich überschlagen und in rasendem Tempo die Rollen, die Kleider und die Perücken wechseln.
Die aberwitzige Handlung, die im vernebelten London beginnt und im verregneten Schottland nicht endet, weil das Happy End wieder nach London verlegt wird – diese Filmstory wird zur Nebensache, weil die wilden Action-Szenen schon für sich ein optischer und akustischer Genuss sind. Der sich vor allem dem tollen Bühnenbild Stefan Brandtmeyers verdankt, der mit seinen Papp- und Klapp-Kulissen, die die Schauspieler vor sich her- oder einfach auftragen, mühelos den Szenenwechsel von der Theaterloge in die Zirkusmanege, vom dahinrasendem Automobil zum Sprung aus dem Eisenbahnabteil illustriert; oder das schottische Wachbataillon zum Wechsel mit Dudelsack-Gedudel und in Uniform-Attrappen an der Kleiderstange aufziehen lässt, wenn nicht gerade eine unglaubliche Verfolgungsjagd durch Dreh- und Pendeltüren oder quer durchs Parkett das Publikum begeistert.
Diesen temporeich vorbeiziehenden Bilderbogen mit seinen Dutzenden von Rollen und Nebenrollen, von Statisten und Protagonisten bewältigen gerade mal vier Schauspieler! Sie sind sich für keine noch so irrsinnigen Gags, Sitcoms und Slapsticks, für Slow-Motion- oder Zeitraffer-Effekte zu schade. Allen voran Pius Maria Cüppers, der zum Entree in unverkennbarer Hitchcock-Pose dessen in allen seinen Filmen unverzichtbaren Kurz-Auftritt zitiert; und danach die Hemden wie die Männer- und Frauenrollen, aber auch die Stimmen wechselt – ein Feuerwerk chamäleonesker Darstellerkunst, das in einer dahingenuschelten Hans-Moser-Parodie gipfelt.
Ihm ebenbürtig ist Stefan Willi Wang als zirkusreifer Denksportkünstler, der jede noch so blöde Frage aus dem Publikum schlagfertig beantworten kann, der aber auch als schottischer Hochlandbauer wie als Schurke und Polizist, als Milchmann wie als Platzanweiser jede erforderliche Grimasse zieht. So wie Michael Hochstrasser als Hochsicherheitsagent eine James-Bond-reife Action-Show abzieht, die ihren Höhepunkt in einem rasanten „Drahtseilakt“ findet, bei dem er, am Stahlseil hängend, über die Köpfe der Zuschauer hinweg auf die Bühne gleitet. Und die attraktive Nicola Lembach ist in Negligé wie in Korsett und Kostüm nicht nur eine Augenweide, sondern verleiht mit ironischem Charme der Inszenierung den für Hitchcock unabdingbaren Sex-Appeal, der besonders in den mit romantisch-sentimentaler Filmmusik unterlegten cineastischen Szenen be- und verzaubert.
Wie überhaupt diese Inszenierung dort am meisten überzeugt, wo sie sich zurücknimmt und sich eng an Alfred Hitchcocks Filme, nicht nur an die 39 Stufen, anlehnt: Dann wird aus dieser Bühnenadaption, (die von Patrick Barlow stammt) eine herrliche Kammerspiel-Komödie, die das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss. „Hitchcock reloaded“ hat das Zeug, komödiantischer Renner der laufenden Nürnberger Theatersaison zu werden. (Friedrich J. Bröder)

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