Kultur

Durchbohrt wie der hl. Sebastian: Elsa (Anette Dasch) im Labor. (Foto: DDP)

30.07.2010

Ratlos unter Ratten

Hans Neuenfels’ „Lohengrin“-Neudeutung ist bei den Bayreuther Festspielen heftig umstritten

Als das „traurigste“ seiner Werke hat Richard Wagner selbst den Lohengrin bezeichnet. Auch das um Jahrzehnte verspätete Bayreuth-Debüt von Regisseur Hans Neuenfels endete in einem traurigen Buh-Sturm, in dem viel verärgerte Ratlosigkeit mitschwang. Schon im Vorspiel versuchte Lohengrin in schwarzer Hose, weißem offenen Hemd und offener schwarzer Krawatte verzweifelt, die automatische Schleuse einer weißen Wand vor sich zu öffnen. Als sie sich am Ende des Vorspiels auftat, trat er ein und hinter ihm wurde ein Gestell mit einem schwarzen glänzenden Nachen samt Schwan-Skulptur erkennbar – was „Ankunft“ und „Außen bzw. Innen“ eher unklar machte.
Das setzte sich fort: Von Ausstatter Reinhard von der Thannen mit Gazeköpfen, rotblinkenden Augen, bauchigem Körpermantel, großen Krallenpfoten und langem, nacktem Schwanz kostümiert, waren die immer wieder aus seitlichen Käfig- oder Labortüren auftretenden Brabanter allesamt Ratten, der König ein neurotisch wirkender Schwächling mit schwarzer Filz-Krone: Damit bezweckte Neuenfels keine politische Metapher für „die Gesellschaft“, nichts zum Problem numinoser Herrschaftsbegründung oder dem des „Wunders“.

Elsa, Ortrud und Telramund traten in glamourösen Abendgarderoben auf, Elsa anfangs sogar pfeildurchbohrt wie der hl. Sebastian. All dies wurde auch nicht klarer, als immer wieder Laborangestellte in hellgrünen Ganz-Körper-Schutzanzügen auftraten. Am Ende legten die jetzt uniform in schwarze Gehröcke mit weißem „L“ und weißem Schwan am Rücken gekleideten Ratten ihre Köpfe ab und schossen mit Pistolen hinein. Lohengrin nahm in schwarzem T-Shirt Abschied, woraufhin alle Brabanter wie tot zusammenbrachen. Als die wahnsinnig gewordene Ortrud in weißem Schwanenkostüm triumphierte, deckte Lohengrin ein großes, weißes Ei ab und präsentierte den verschwundenen Gottfried als monströsen, blutigen Neugeborenen, der seine Nabelschnur durchtrennte, ehe dann alles im Dunkel versank. (Wolf-Dieter Peter)

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