Kultur

Kokoschkas Grafiken sind spontan und einfühlsam; hier die Farblithografie mit einem Specht. (Foto: Fondation Oskar Kokoschka/VG Bild-Kunst Bonn)

28.02.2014

Reizvolle Skizzen

Blätter, die Oskar Kokoschka allenfalls Freunden zeigte, sind jetzt im Regensburger Leeren Beutel zu sehen

Capriccio: So nannte Oskar Kokoschka selbst diese locker hingeworfenen Zeichnungen, die, spontaner Eingebung folgend, lustvoll den Augenblick einfangen. Die Ausstellung mit Zeichnungen, Aquarellen und Druckgrafiken von Oskar Kokoschka in der Städtischen Galerie Leerer Beutel, eine leicht abgeänderte Präsentation der Ausstellungstournee, die vor zwei Jahren im niedersächsischen Stade begann, ist ein gelungener Einstieg zur Kokoschka-Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie, die im Herbst Werke des Malers aus dessen Prager Zeit zeigt.
Im Leeren Beutel hat der Besucher schon jetzt Gelegenheit, sich mit Sichtweise und Duktus des österreichischen Expressionisten (1886 bis 1980) auseinanderzusetzen. Die Papierarbeiten stammen aus dem Bestand von Heinz Spielmann, einem langjährigen Freund und Wegbegleiter Kokoschkas.
Der spontane, mitunter auch intime Charakter der Zeichnungen war der Grund, warum Kokoschka die Blätter zu Lebzeiten nicht öffentlich, sondern sie nur engen Freunden zeigte. Mit der Ausstellung werden diese Blätter nun doch öffentlich.
Gegliedert nach Themenbereichen, zeigt die Ausstellung den Zeichner als exakten Beobachter, als einen Analysten der Psyche seiner Porträtierten, nicht zuletzt auch seiner eigenen Bildnisse, mit denen er sein persönliches Befinden ergründet und dem Betrachter einen Blick in sein Innerstes offenbart. Kritisch, kraftvoll und nicht ohne Selbstironie setzt er seinen imposanten, kantigen Schädel in Szene. Spontan und intuitiv erfasst er Menschen und Situationen, hält Reiseerlebnisse und musikalische Eindrücke fest.
Fasziniert schaut man auf die Serie von Zirkusszenen, auf die Unmittelbarkeit, mit der das Verhalten von Tieren einfühlsam erfasst ist. Die inspirierten, blitzschnell hingezeichneten Skizzen begeistern mit umwerfender Frische, der Stift scheint nur so über das Blatt geflogen zu sein.
Wie er in seinen Selbstporträts die eigene Psyche geradezu seziert, so gnadenlos sind die Porträts, die Kokoschka von seinen Frauen gezeichnet hat. Das Trauma der Beziehung zu Alma Mahler wird dramatisiert in einer Zeichnung mit spürbar heftigem Duktus: Das Gesicht des Weibes ist von brutaler Härte. Ihr, seiner späteren Frau Olda und den diversen anderen Lieben ist ein eigener Themenbereich gewidmet.
Unter den Nationalsozialisten gehörte auch Kokoschka zu den als entartet Gebrandmarkten. 1934 verließ er Österreich und ging zunächst ins Exil nach Prag, wo er seine spätere Frau Olga kennenlernte. 1938 zogen die beiden zusammen nach London. Nach dem Krieg ließ Kokoschka sich in der Schweiz nieder, 1953 gründete er zusammen mit Friedrich Welz die „Schule des Sehens“ in Salzburg, die älteste Institution dieser Art, die bis heute als Internationale Sommerakademie Salzburg aktiv ist.
In seinen späteren Jahren fühlte sich Kokoschka zunehmend unverstanden, sah sich als Opfer der Kunstkritik. Es war die Zeit von Informel und abstrakter Kunst. Auf dem Blatt Ich und meine Kritiker hat sich der Künstler vor kläffenden Hunden auf einen Baum geflüchtet. Eines der letzten Selbstporträts von 1975 zeigt ihn, den einstigen Schüler von Gustav Klimt, der einst ein so großes Ego hatte, dass er sich zum bedeutendsten lebenden Künstler Österreichs erklärte, bemitleidenswert – fast blind. (Ines Kohl)

Bis 1. Mai. Städtische Galerie Leerer Beutel, Bertoldstraße 9, 93047 Regensburg, Di. bis So., Fei. 10 – 16 Uhr. www.regensburg.de/kultur/museen-in-regensburg/staedtische-museen/leerer-beutel

Abbildung (Foto: Fondation Oskar Kokoschka/VG Bild-Kunst Bonn)

Selbstbildnis mit Statuette aus dem Jahr 1966.

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