Kultur

Papierschnitzel und Fundstücke, gekonnt arrangiert: Ausschnitt aus der "Schadoraphie Nr. 11". (Foto: Christian-Schad-Stiftung/Ines Otschik)

26.11.2015

Revolutionäres Schattenspiel

Als erster gestaltete er künstlerische Fotogramme: Die Stadt Aschaffenburg erwarb ein frühes Werk von Christian Schad

Mystisch abstrakt formieren sich in einem kristallen anmutenden Rahmen dunkle Gebilde, scheinen sich geometrischen Figuren anzunähern, um aufzubrechen, sich zu zergliedern und schließlich der vollständigen Gegenstandslosigkeit zu erliegen: Das Fotogramm "Schadografie Nr. 11" von Christian Schad (1894 bis 1982), entstanden 1919, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, steht für ein radikales Umdenken in der Kunst und die Abkehr von der Gegenständlichkeit. Teil der später durch den Dadaisten Tristan Tzara als „Schadographien“ bezeichneten künstlerischen Experimente mit Fotopapier, verbildlicht die Schattenkomposition des Werkes eine, so Schad, „Auflehnung gegen alles was bis dahin Bedeutung hatte“.

Nun hat die Stadt Aschaffenburg das Werk für das neu entstehende Christian Schad Museum (es soll 2017 eröffnet werden)  aus amerikanischem Privatbesitz erworben. Damit geht erstmals eine der frühesten Schadographien in den Besitz einer deutschen Institution über.

Grenzen der Fotografie

Schads Verwendung des Fotogramms als kreative Ausdrucksform war revolutionär: Zuvor setzte man die fotografische Technik, die ohne Kamera auskommt und auf dem Zusammenspiel von Licht, Fotopapier und mehr oder weniger lichtdurchlässigen Gegenständen basiert, vorrangig in der Naturwissenschaft ein, um etwa die feingliedrige Struktur von Pflanzenblättern zu dokumentieren. Noch bevor Man Rays einflussreiche Rayogramme entstanden und László Moholy-Nagy seine kontrastreichen Fotogramme schuf, experimentierte der kurzzeitig der Dada-Bewegung nahestehende Schad bereits mit dem Abstraktionspotential des Verfahrens für seine künstlerischen Zwecke.

Die "Schadographie Nr. 11", ein scherenschnittartiger, kleinformatiger Schattenabdruck von Papierschnipseln und Fundstücken, ist ein kühnes Spiel mit den Grenzen der Fotografie, das den Betrachter bewusst verunsichert: Wie ein Rorschachtest fordert die Komposition auf, im Mehrdeutigen das Eindeutige zu finden, die ungeordnete Tiefe der Kontraste mit Bedeutung aufzuladen. In dieser Aura der Uneindeutigkeit und scheinbaren Willkür manifestiert sich die "Schadographie Nr. 11" als bildgewordenes Dada-Gedicht – ein Umstand, der sich bereits in dem von Tzara geprägten Wortspiel bemerkbar macht: In der Bezeichnung "Schadographie" klingen sowohl der Name des Künstlers als auch das englische Wort "shadowgraph" für Schattenspiel an.

Mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kulturstiftung des Bezirkes Unterfranken, der Kurt-Gerd-Kunkel-Stiftung Aschaffenburg und der Sparkasse Aschaffenburg-Alzenau erwarb die Stadt Aschaffenburg mit der "Schadographie Nr. 11" eines der frühesten Werke dieser außergewöhnlichen Technik. (BSZ)

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