Kultur

Slapstick-Dandys unter sich: Enrico Spohn, Peter Reisser. (Foto: Theater Ingolstadt)

24.02.2012

Sandwiches und Sottisen

Im "Kleinen Haus" in Ingolstadt inszeniert Cornelia Crombholz Elfriede Jellineks Bühnen-Bearbeitung von Oscar Wildes „Bunbury“

Weiberfasching, da muss in Ingolstadt sogar die Theaterpremière in etwas ausweichen, das „Kleines Haus“ heißt und am „Brückenkopf“ ziemlich versteckt haust. Umso ungenierter gibt man sich dort hemmungsloser Theaterlust hin, und zwei Männer spielen Ernst ist das Leben und wollen obendrein „Ernst“ heißen. Früher hieß das Bunbury, war eines der bekanntesten Stücke von Oscar Wilde.
In Ingolstadt spielt man es in einer konfettibeflitterten Zirkusmanege und in der Fassung von Elfriede Jelinek: Das ergibt zugespitzte Gesellschaftskritik als Faschingsjux, ausgerechnet unter dem Motto: „Mir ist gerade zum ersten Mal in meinem Leben klar geworden, wie wichtig es ist, ernst zu sein.“ Das allerdings ist die Ingolstädter Zwei-Stunden-Aufführung ohne Pause keinen Moment lang: Regisseurin Cornelia Crombholz aus Graz macht aus der elegant zugespitzten Gesellschaftskomödie von 1895 einen rasanten Slapstick-Stummfilm, in dem die Schauspieler schwarz umrandete Augen aufreißen und Konflikte eskalieren wie bei „Laurel & Hardy“: Federn vom Röckchen gerissen, Haare vom Kopf, Wasser in die Handtasche und schließlich Prügelei mitten in Whiskey-Lachen und Muffin-Krümeln.
Klappe auf, Klappe zu: Ständig wird ein Türchen in dem simpel aussehenden Bühnenbild mit dem raffinierten Klappenleben aufgemacht (Ausstattung: Marion Hauer), Blumen und Bücher hinein, leere Gläser hinaus, da lassen sich herrlich Besäufnisse inszenieren oder überraschende Auftritte durch die Katzenklappe.
Man kriegt schnell mit, worum es geht: John Worthing und das Wilde-Abbild Algernon Mancrieff (aufopfernd und mitreißend die Darsteller bis zur letzten Puste: Peter Reisser und Enrico Spohn) legen sich erfundene Doppelgänger zu. „Bunburisieren“ nennt der blasierte Algernon das – Verwicklungen sind programmiert.
Die spielt das prächtige Ingolstädter Ensemble samt Wildes Sprachakrobatik in punktgenauer Choreografie und mit vielen Stummfilm-Grimassen: Wort-Degen-Kämpfer mit Sandwichs und Sottisen. Elfriede Jelinek hat die Wortgefechte ganz schön geschärft und ins Heute übersetzt, auf der Planche dieses Sprachfloretts gibt es kein Atemholen: Egal ob die auf Jelinek zurechtgeschminkte Tante hereinstakst oder ihr schnuckeliges Plappermündchen Gwendolen.


Die Überraschung zieht sich etwas träge hin


Umbauten werden zur wilden Hetzjagd, der Pastor fährt abenteuerlich Rad, und in den Gieß- oder Teekannen ist immer genug Wasser, um die Aufführung (zumindest einschließlich Akt 2) frisch und vergnüglich zu halten. Dann aber muss im Manegenrund erklärt werden, woher das ehemalige Findelkind John tatsächlich kommt.
In Mozarts Figaro passiert so was in ein paar Takten, Wilde zieht die Überraschung eher mühsam aus dem Hut. Macht nichts: Dieser als Nachbar von Georges Feydeau inszenierte viktorianische Dandy („Das ist doch vollkommen absurd !“) und Cornelia Crombholz drehen an der Jux- und Sprachwitzschraube, bis drei Brautpaare im Konfetti stehen – ein für die Zuschauer äußerst vergnüglicher, für die Schauspieler anstrengender Abend, der Fasching zweifellos erfolgreich überstehen wird. Vielleicht schickert sich die Rottweiler-Tante danach mit Starkbier statt Champagner an. (Uwe Mitsching)

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