Kultur

Umwerfendes Rumalbern: Thomas Schmauser, Niels Bormann, Anna Drexler. (Foto: David Baltzer)

18.12.2015

Saukomische Russendisko

Kapitalismus - völlig infantil: "Regie-Wunderkind" Christopher Rüping begeistert mit Dostojewskis "Der Spieler" an den Münchner Kammerspielen

Schon vor Beginn haben sie eine Menge Spaß, die kleinen Racker: Vier Kinder in herzigen Kleidchen und Jäckchen toben durch den halbgefüllten Zuschauerraum, kreischen, werfen Stofftiere von der Bühne. Wenn es dann losgeht, entreißen sie dem Souffleur das Textbuch, stellen ein Mikrofon an die Rampe und lesen vor: Sätze von Dostojewski, aus dem Roman "Der Spieler" (1867), den Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen auf die Bühne bringt.

Alberner Kindergeburtstag

Und tatsächlich wird das 30-jährige Regie-Wunderkind seinem Ruf gerecht. Was Rüping und die Kinder da abziehen, ist eine saukomische Russendisko, bei der (auf Russisch) Lieder über das "Kapital" angestimmt werden, ein großer, herrlich alberner Kindergeburtstag, wo ein General im Strampelanzug-Bärenkostüm auftritt und die übrigen Witzfiguren mit Allongeperücken.

Nach der Pause wird dann klar, was all die durchgedrehten Kindereien eigentlichen sollen. Sie zeigen den Kapitalismus, dieses gigantische Spielcasino, als völlig infantile, unreife Veranstaltung.

Erst jetzt, im zweiten Teil, wenn alles verspielt ist, alle pleite sind, wird's ernst. Mutti schickt im strengen Ton die lieben Kleinen von der Bühne, das symbolische innere Kind in den Personen des Dramas ist damit verschwunden.

Betörende Poesie

Aber auch schon vorher kippt das Gealber immer wieder in Momente betörender Poesie um. Dank der drei absoluten Spitzenschauspieler Thomas Schmauser, Anna Drexler und Niels Bormann erwächst aus der Parodie auf eine "typische Russengeschichte" wie selbstverständlich eine Haltung staunender Unschuld, die dem Dostojewski-Text viel näher ist, als jede ehrfürchtige Klassiker-Bewunderung.

Erst mit dieser Premiere hat die Ära Lilienthal an den Kammerspielen wirklich begonnen. Denn Rüping gelang die erste herausragende Inszenierung seit dem Amtsantritt des neuen Intendanten. (Alexander Altmann)

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