Kultur

Detail aus Luke Jerrams „Malaria-Virus“ (2017). (Foto: Heidi Schmitt)

01.09.2017

Schlichtes und Diabolisches

Eine Ausstellung in Rödental zeigt moderne Interpretationen der traditionellen Lampenglas-Technik

Sie sind klein, extrem dünnhäutig – und altmodisch? Von wegen! Wer in dieser Ausstellung die Gläser, Vasen und Figuren der traditionellen Lampenglas-Technik, wie wir sie vom Glasbläser kennen, sucht, der wird sich umschauen. Nur einen kleinen historischen Überblick aus dem reichen Schatz seiner Sammlungen zeigt das Europäische Museum für Modernes Glas Rödental (ein Zweigmuseum der Kunstsammlungen Coburg) in seiner Sonderschau Lampenglas.

Nach der Geschichtsstunde mit Altmeistern wie Albin Schaedel und Ernst Precht aus Lauscha und ihren Kollegen aus dem Bayerischen Wald oder Tschechien gehen die „Neuen Blicke auf eine traditionelle Technik“, wie der Ausstellungstitel präzisiert wird, zu den Künstlern von heute.

Resümee der Workshops

Die Begrenztheit des kleinen Formats der am Gasbrenner aus Glasstäben und -röhren entstehenden Kunstwerke brach erstmals die tschechische Künstlerin Vêra Lsková für den Coburger Glaspreis 1977 auf (damals wurde in Coburg erstmals der offene Wettbewerb für Modernes Glas in Europa ausgerichtet). Lskovás großformatige Installation Musik war ein Meilenstein. In ihrer Nachfolge eroberten Künstlerinnen wie Anna Skibska oder Susan Liebold ganze Wände. Die Ausstellung zeigt diese Entwicklungen seit den 1950er Jahren bis heute in 75 Objekten von 50 Künstlern.

Seit 2009 finden im Lampenglasstudio des Glasmuseums jedes Jahr Workshops mit europäischen Künstlern statt. Die bisher Beteiligten stehen im Mittelpunkt der Präsentation – ein kleines Resümee also.

Einige Arbeiten sind beinahe noch heiß. Luke Jerrams (Bristol) in Klarglas gearbeitetes Malaria-Virus (2017) etwa, das die Schönheit dieses Monsters aus der Mikro-Ebene holt. Oder das aus zartem Glasfiligran gesponnene Werk des luxemburgisch-französischen Künstlerpaares Anne-Claude Jeitz und Alain Calliste, die mit Fraternity (2017) die heute mehr denn je wichtige Brüderlichkeit anmahnen. Das aktuelle Thema Burnout setzt der Lauschaer Künstler André Gutgesell in seiner Installation Das Tempo ist zu hoch (2016) um: in großen Glasblasen gefangen der Mensch, kämpfend, strauchelnd, Hoffnung schöpfend.

Internationale Einflüsse

Die meisten Künstler bevorzugen die schlichte Eleganz und Ausdruckskraft des klaren Glases. Farbig-barocke Sinnlichkeit verströmen mit diabolischem Charme der Venezianer Lucio Bubacco und der Lauschaer John Zinner. Farbige Neon-Gase und eine zeichenhaft-abstrakte Form kombiniert Jörg Hanowski aus Witten in der Skulptur Schweben 1 (2016). Nur kleine farbige Akzente setzen die Kanadier Cédric Ginart und Karina Guevin in ihrer Installation The Jack Pine Project (2015). Hirsche, Bären, Vögel – das wilde Leben der kanadischen Wälder wird hier wie eine Trophäensammlung unter Glasstürzen präsentiert.

Die ausgewählten Exponate zeigen, wie sich Leben und Themen der „Lampworker“ in Europa, in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Kanada und in Fernost kontrastieren oder andererseits durchdringen. Bei ihrer Rödentaler Residency 2013 schuf die in den USA lebende Koreanerin Eunsuh Choi das Objekt Housed Barrier VI. Das Bild des im starren System gefangenen lebendigen Baumes sieht man heute vor dem Hintergrund von Donald Trumps Ausländerpolitik in völlig neuem Licht. Auf das Reizwort „Great“ und die Verfolgung religiöser und sozialer Gruppen spielt die britisch-amerikanische Künstlerin Carrie Fertig an. Auf einer Schallplatte mit Poulencs Oper Die Gespräche der Karmeliterinnen dreht sich ein silberverspiegeltes Opferlamm (The Great and the Good, 2016). Es ist nicht mit Klebstoff fixiert und droht bei der kleinsten Veränderung der Verhältnisse abzustürzen. (Heidi Schmitt)

Information: Bis 12. November. Europäisches Museum für Modernes Glas, Rosenau 10, 96472 Rödental. Tgl. 9.30-13 Uhr und 13.30-17 Uhr.

Abbildung: Jörg Hanowskis „Schweben 1“ (2016) überzeugt durch zeichenhafte Abstraktion. (Foto: Heidi Schmitt)

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