Kultur

27.09.2013

Schnöseliger Wüstling

"The Rake’s Progress" in Regensburg bleibt Antworten schuldig

Am Ende gab es langen Beifall – zur Pause war es nur ein mattes Abhaken. Kein Wunder, denn Elias Perrig hatte Igor Strawinskys The Rake’s Progress zunächst allen theaterwirksamen Vergangenheits- und Gegenwartsbezug versagt: Der „Aufstieg des Wüstlings“ Tom Rakewell findet in einem einfarbigen Passepartout und vor einer griesgrämigen Wolkenkratzerkulisse statt (Bühne: Claudia Doderer). Da wusste im Regensburger Theater am Bismarckplatz keiner so recht, was das teuflische Alter ego Toms, der in Lackleder gekleidete Verführer Nick Shadow, an Verführungen auffährt. Und warum am Ende die ewig junge Liebe der Anna Trulove den Libertino erlösen kann/muss/darf.
Bilder wollten Strawinsky und sein Librettist W. H. Auden in ihrer Oper zeigen: ganz im Stil der altenglischen ballad opera, inspiriert von William Hogarths sozialkritischer Bilderserie aus barocken Londoner Zeiten und mit viel Text mit noch mehr moralischen Sentenzen, die die Handlung wenig vorantreiben.

Strawinsky-Ton getroffen

Sichtbar werden in Regensburgs konsequent spartanischer Aufführung weder die Verlockungen des Bordells von Mother Goose (der Chor in schwarz-weiß gestreifter Livrée) noch der kapitalismuskritische Aspekt von Toms Erfindung einer Mach-Gold-aus-Brot-Maschine. Perrig und Doderer begnügen sich mit einer Bildvision, die mehr Nachkriegsamerika als London-Atmosphäre evozierte.
Tetsuro Ban fand mit seinem Philharmonischen Orchester nach etwas einebnendem Beginn schneller in die Gänge für Strawinskys scharfkantige Rhythmik mit ihren vielen Zitaten, mit dem Gerüst der alten Nummernoper. Ihm gelang im Laufe der Zeit eine zunehmend geschärfte Artikulation und ein authentischer Strawinsky-Ton.
Von Brenden Gunnells hellem, leuchtenden Tenor als Rakewell war man von Anfang an begeistert, er war ein bedenkenloser Schnösel mit Persönlichkeitsspaltung, der vorführte, dass dieses Stück nur ein Spiegel des Lebens sein soll. Sein in die Jahre gekommener Verführer und das Spiegelbild seiner eigenen Sehnsüchte, Nick Shadow, war mit dem Regensburger Bariton-Haudegen Adam Kruzel zwar spielfreudig besetzt, blieb aber in dieser ganz auf den Text rekurrierenden Aufführung jede Verständlichkeit schuldig.
Nachdem die Aufführung für den ruinösen Ausflug Toms auf den Aktienmarkt keine Vision gefunden hatte, war wenigstens die Versteigerung all seines Besitzes ein skurriles Kasperltheater, die fabelhaft tief orgelnde Türken-Baba von Vera Egorova singt und spielt sich ohne jede theatralische Hilfestellung attraktiv in den Vordergrund.
Friedhof, Irrenhaus, Höllenfahrt des Nick, Toms Vision von Venus und Adonis: Das werden dann doch respektable Höhepunkte dieser Aufführung – die aber keine Extreme sucht und mit ihrem Mittelmaß vieles schuldig bleibt. Anne Trulove (mit zuverlässigem, wenig spritzigem Sopran: Theodora Varga) geht brav an der Hand des Papas ab, der es mit lebenslangem Malochen nur zu Hosenträgern und Unterhemd gebracht hat. Der Wüstling aber schaut auch nach seiner Erlösung sehnsuchtsvoll in den dampfenden Höllenschlund hinab: Wollte er wirklich erlöst werden? (Uwe Mitsching)

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