Kultur

15.01.2010

Schöne Geschichten aus furchtbarer Zeit

Ohne Liebesgeschichte geht gar nichts: Sabine Weigand schreibt vor allem für die weibliche Leserschaft

Eines müssen sich Autoren von historischen Romanen merken, die am Ende mit einer "Päpstin" ins Kino kommen wollen: Am besten verkauft sich „Mittelalter“ – Finger weg von der Antike! Außerdem: Eine weibliche Hauptfigur als Identifikationsfigur muss sein – denn das Gros der Leserschaft stellen die Frauen. Wer so erfolgreich im Genre tätig ist wie Sabine Weigand mit inzwischen vier Romanen und einer Gesamtauflage von nahezu 400 000 Exemplaren, muss es wissen. "Die Markgräfin", "Die Seelen im Feuer", "Die Königsdame" heißen ihre Bücher, und das Frauenblatt Für Sie empfiehlt "Das Perlenmedaillon" als „das Schmuckstück unter den historischen Romanen“. "Die Markgräfin" gibt es inzwischen sogar auf Russisch und Koreanisch, über "Die Seelen im Feuer" werden Filmrechte verhandelt. Gerade hat die promovierte Historikerin die Rohfassung ihres nächsten Romans fertig, klopft stolz auf die 550 Seiten: "Das Geheimnis der Medica" (Arbeitstitel) wird heuer erscheinen. Sie hat dafür im Staatsarchiv Würzburg, in jüdischen Archiven und Museen recherchiert. Wie immer drängt der Verlag, und sie muss sehen, dass sie mit einem Dreivierteljahr Recherche und einem Dreivierteljahr Schreiben zurecht kommt. Trotzdem nimmt sie sich die Zeit, um in ihrem Haus zwischen Nürnberg und Schwabach über sich und das Geschäft mit dem historischen Roman zu plaudern. Zum Beispiel, dass es bei ihr (geboren in Nürnberg, Abitur ohne Leistungskurs Geschichte, Studium in Erlangen zunächst fürs Lehramt der Fächerkombination Englisch/Geschichte) zwar eine lückenlos-zielstrebige Ausbildung gab, an deren Ende 1992 die Promotion „Plassenburg. Residenzfunktion und Hofleben“ stand. Da hatte sie schon die Gewissheit, nicht Lehrerin werden zu wollen. Aber dann kam die Erfahrung „blanker Langeweile“, als der Sohn in den Kindergarten kam: „Das kann es doch nicht gewesen sein ...“ Gern geschrieben hatte Sabine Weigand schon immer: Aufsätze in der Schule, die Dissertation – und neben aller wissenschaftlichen Akribie und Redlichkeit hat sie offenbar auch reichlich Fantasie. Denn die Liebesgeschichten, die es in einem historischen Roman unbedingt geben muss, die denkt sie sich selber aus. Die Plassenburg ihrer Doktorarbeit wurde der Ausgangspunkt ihres ersten Romans Die Markgräfin. Zwei Jahre saß Barbara von Brandenburg-Ansbach dort in Beugehaft, weil sie sich der dynastischen Familienpolitik widersetzte. So ein Leben musste einfach genug Stoff für einen historischen Roman hergeben. Drei Jahre schrieb Sabine Weigand am Laptop in der Küche. Dann nahm der Krüger-Verlag (unter dem Dach des Fischer-Verlags) das Manuskript an, ihre Mitarbeit im Schwabacher Stadtmuseum konnte sie aufgeben – das Schreiben historischer Romane war ihr Hauptberuf geworden. Fakten und Fantasie Auch jetzt beim fünften Roman ist der Produktionsablauf der gleiche geblieben. Ideen trägt sie immer mit sich herum, überlegt sich, in welcher Zeit der Roman spielen soll. Dann sucht sie gezielt nach historischer Sekundärliteratur, stellt sich wissenschaftliche Apparate zusammen, wühlt in Archiven – „und was die Historie nicht hergibt, muss ich mit Fantasie auffüllen.“ Etwa 50 Seiten kommen da an Ideensammlung in dieser Recherchephase zusammen. Aus denen macht sie eine Grob-, dann etwa 20 Seiten Feingliederung – da ist auch schon die Verlagslektorin an ihrer Seite. Um die unerlässliche Lovestory fürs weibliche Leserherz braucht sie sich nur in der kleinen Welt der Nachbarschaft umzuschauen. Vorbilder in der schreibenden Zunft hat Sabine Weigand nicht, höchstens den alten Samuel Hawthorne ("Der scharlachrote Buchstabe") aus dem 19. Jahrhundert: „Fiktion und Historie sollen sich so verzahnen, dass man sie nicht mehr unterscheiden kann.“ Ihr Markenzeichen beschreibt die Autorin als eine Art Collagetechnik: „Ich nehme Originalurkunden, Originalzitate der Zeit und lege sie meinen Figuren in den Mund. Das schafft Authentizität.“ Der Leser soll darüber nachdenken, „wie gut es uns heute geht“. Ihr geht es nicht romantisierend um das edle Ritterfräulein, das „möchte ich meinen Lesern austreiben, denn das Mittelalter war dreckig, gefährlich, tödlich mit Kindersterblichkeit und Kriegen. Eine furchtbare Zeit!“ Und trotzdem findet sie so schöne und spannende Geschichten darin wie die der Jüdin Sara. Wie in einem Roadmovie kommt diese Protagonistin in ganz Deutschland herum, wird verheiratet, überlebt Pogrome, lebt mit Spielleuten zusammen, erlebt das Konstanzer Konzil mit der Verbrennung von Johannes Hus und wird schließlich Stadtärztin von Würzburg. Mit diesem Schicksal will Weigand den Lesern möglichst viel über jüdische Geschichte in Deutschland erzählen. „Die Leute sollen etwas lernen und nicht nur einen dümmlichen Liebesroman lesen.“

(Uwe Mitsching)

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