Kultur

Diana Damrau meistert vier Frauengestalten – hier die automatenhaft agierende Olympia. (Foto: Wilfried Hösl)

04.11.2011

Schöner Schall mit wenig Rausch

Bestechende Verwandlungen einer Operndiva: "Hoffmanns Erzählungen" im Nationaltheater

Sein heftig klopfendes Herz schleuderte er am Schluss mit einer Riesengeste ins Publikum und stieß einen befreiten Urschrei aus: Geschafft! Rolando Villazón zeigte mit schönem Piano und glänzenden Spitzentönen, dass sein Tenor gesund ist. Dazu taumelte, rannte, stolperte und tanzte er mit überbordendem Spieltalent durch die Szenerie: derzeit der überzeugendste Interpret des Dichters Hoffmann und dessen neurotisch extrovertierter Zerrissenheit.
Neben ihm verkörperte Diana Damrau erstmals nach ihrer Babypause alle vier Frauengestalten in Hoffmanns Erzählungen. Kompliment an Buki Shiff und die Kostüm- sowie Maskenabteilung der Staatsoper: bestechende Verwandlungen der Operndiva Stella – vom Mix aus grässlich blondierter „Barbie im Ballkleid“ als automatenhaft agierende Halbkörper-Olympia hin zur schwindsüchtigen Sängerin Antonia in Schwarz-Weiß, dann zur leider nur mäßig verruchten Kurtisane Giulietta und zurück in Stella. Diana Damrau kann das alles singen, am virtuosesten die Olympia mit ihren PC-bedingten Ton-Störungen, während Antonia lyrisch beseelter und im Todes-Terzett expansiv üppiger, die Giulietta verrucht dunkler klingen kann. So gelang Diana Damrau die dramaturgisch motivierte Verkörperung von drei Frauentypen in einem Star sehr gut, wenn auch „ausbaufähig“.
Den herzlichsten Jubelsturm erntete Angela Brower als Niklas-Muse im Alter-Ego-Look zu Hoffmann: Ihr jugendlicher Enthusiasmus für die Rettung des abstürzenden Künstlers Hoffmann durchglühte Spiel und Stimme – das gelungenste Debüt des Abends.
Dahinter blieb alles Übrige zurück, am schmerzlichsten die Verkörperung der vier Gegenspieler Hoffmanns durch John Relyea: Trotz überragender Bühnenerscheinung fehlte ihm in Spiel und Stimme, gipfelnd in einer blassen Diamanten-Arie, die nötige abgründige Faszination.

Zu großer Raum

Das mag auch an Giles Cadles Bühne und Richard Jones’ Inszenierung liegen. Nach dem ersten Moment – Villazón sitzt wie Spitzwegs Poet in einer ärmlichen Ecke – erweist sich Cadles Einheitsbühnenbild als zu großer Raum, um darin trotz aufwändiger Detailverwandlungen, guter Bühnentrick-Einfälle und ausgearbeiteter Lichtregie die vier Lebensstationen als Phantasmagorien des Dichterhirns, als halbreale Erinnerungsbilder oder echte Schauplätze faszinierend vorzuführen. Vor allem die Schlusssequenz mit dem zwar klangschönen, aber dramaturgisch stimmungstötenden A-cappella-Chor, dem nur stummen Stella-Auftritt und dem Reigen aller früheren Figuren machte weder den Durchbruch Hoffmanns zum überragenden Künstler der „Schwarzen Romantik“ noch sein definitives Scheitern anrührend oder gar erschütternd deutlich.
Da hätte der ansonsten glänzend straff, akzentuiert und stetig befeuernd dirigierende Constantinos Carydis aus den Möglichkeiten der Werkfassung von Michael Kaye auf einem musiktheatralisch überzeugenderen Finale bestehen müssen. (Wolf-Dieter Peter)

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