Kultur

Auf engstem Raum allein mit Hanna Scheibe: Die Schauspielerin gurrt verführerisch, nähert sich ... wer kann da noch kühl die künstlerische Dimension der Performance reflektieren? (Foto: Thomas Dashuber)

13.12.2013

Schwindelerregend spannend

"Eurydice :: Noir Désir" schickt den Zuschauer auf eine Gratwanderung zwischen Kunst und Wirklichkeit

Sie ist halt auch eine alte Burg, die Münchner Residenz: Wer immer weiter hinabsteigt auf gewundenen Treppen, durch enge Gänge, steht endlich in einem düsteren gotischen Kellergewölbe, spürt einen kühlen Lufthauch, und passend zum Spukschloss-Ambiente taucht in der Ferne auch schon ein Gespenst auf, das spricht, langsam näher kommt – und keine Geringere ist, als Sibylle Canonica. Ganz in schwarz gibt die große Schauspielerin hier die Eurydike, und der Zuschauer wird zum Orpheus, der die verstorbene Geliebte in der Unterwelt aufsucht: Die Katakomben der Residenz erweisen sich als geniales Setting für ein Theaterprojekt von Bernhard Mikeska.
Mit Eurydice :: Noir Désir hat der erfolgreiche Regisseur und gelernte Physiker eine Versuchsanordnung inszeniert, bei der die Zuschauer Teil des Experiments werden: Nur 25 Theaterbesucher gibt es pro Aufführung, für jeden beginnt die Vorstellung zu einer anderen Uhrzeit, denn sie werden im Abstand von 12 Minuten je einzeln losgeschickt. Mit einem Kopfhörer begeben sie sich auf einen Parcours, der im Foyer des Cuvilliéstheaters beginnt und nach verschlungenen Irrwegen, die man zum Teil geführt mit verbundenen Augen zurücklegt, dort wieder endet. Dazwischen liegen vier Stationen, wo man je mit einem Schauspieler, einer Schauspielerin allein ist und eine Privatvorstellung geboten bekommt – wie Ludwig II., der auch Opern für sich als Solo-Zuschauer aufführen ließ.
Diese intime Nähe, nur gemildert (oder verstärkt?) durch den Kopfhörer, über den man sein Gegenüber wie eine innere Stimme vernimmt, ist eine schwindelerregende Gratwanderung auf der Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit: Da tritt man etwa durch eine Tür und findet sich unvermittelt in einem versifften, engen Badezimmer, wo Hanna Scheibe auf dem Boden liegt – im kurzen Kostümchen und mit halterlosen schwarzen Srümpfen. Wenn sie einen dann verführerisch angurrt und näher kommt, ist man auch als Kritiker nicht mehr fähig, nüchtern bloß die künstlerische Dimension des Vorgangs wahrzunehmen.
Aber trotz oder wegen der physischen Unmittelbarkeit der Erfahrung, fühlt man sich wie im Traum, in dem alles irreal und überdeutlich zugleich wirkt, als sei man leibhaftig in einen Film hineingeraten.
Diese atmosphärische Eindringlichkeit ist Geschmackssache, aber auch der Clou der Total-Performance, der man da ausgesetzt wird und die den antiken Orpheus-Mythos kurzschließt mit der Tragödie um die französische Schauspielerin Marie Trintignant: 2003 wurde sie in Vilnius von ihrem Geliebten getötet, dem Rockstar Bertrand Cantat von der Band Noir Désir. „Blick nicht zurück“, rufen die bewundernswerten Akteure (neben den Genannten noch Guntram Brattia und die großartige Valery Tscheplanowa) dem Besucher zu, ehe sie ihn in düstere Gänge weiterbugsieren.
Den Text (Lothar Kittstein) nimmt man angesichts der Intensität der Situation nur bruchstückhaft wahr. In seinem schaukelnden Rhythmus verstärkt er aber das Ineinander von Nähe und Distanz, das man beim Unterwelt-Spaziergang erlebt. Verstörend und betörend zugleich ist dieser Weg in den Hades unserer dunklen Begierden – aber auch eine mythologische Geisterbahnfahrt für die gebildeten Stände. Ob man sowas erleben will, muss jeder für sich entscheiden. Stürmischen Beifall hätte das Projekt samt allen Mitwirkenden auf jeden Fall verdient. (Alexander Altmann)

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