Kultur

Nele Ströbels Introplastiken in Petrischalen. (Foto: Kohl)

09.05.2014

Sehnsucht nach Natur

Nele Ströbel schlägt in Deggendorf ihr begehbares Tagebuch auf und zeigt, wie Grün die Städte erobert

Der Paradiesgarten, die klösterlichen Gärten, die Schrebergärten und die schmalen Gärten hinter Reihenhäusern und seien sie noch so klein: immer bieten sie Zuflucht und sind Rückzugsorte. Viele Künstler haben sich mit Gärten beschäftigt: von Claude Monet über Jackson Pollock bis heute ist der Garten ein Thema in der Kunst geblieben. Ganz aktuell ist Guerilla gardening: Die anarchische Besetzung von Stadtraum mit Natur erfüllt die Sehnsucht wenigstens nach einem ganz kleinen Garten. Irgendwie scheint den Menschen eine Entwicklung, die Natur gänzlich aus dem Bewusstsein verdrängt, nicht ganz geheuer zu sein. Gemeinschaftsgärten auf Dächern und ungenutzte Flächen im Stadtraum kompensieren dieses Verlustgefühl.

Rührende Pflege

Die Bildhauerin Nele Ströbel, die in München und Berlin-Neukölln lebt, befasst sich seit Jahren mit Gärten unter unterschiedlichen Aspekten. In ihrem Projekt Hortus conclusus erforschte sie den abgeschlossenen Klostergarten. Jetzt wendet sie sich der in Neukölln – wie auch in anderen Großstädten – sprießenden Kultur des „urban gardenings“ zu, aus dem ihr „begehbares Tagebuch“ hervorging, das sie derzeit im Stadtmuseum Deggendorf zeigt.
Auf Wanderungen durch die Stadt entstanden Fotos, Filme, Zeichnungen und Aquarelle, mit denen Nele Ströbel das Thema einkreist. Sie entdeckte die Baumscheibe am Straßenrand als innerstädtischen Hortus conclusus, rührend bepflanzt und gepflegt, Kleingartenanlagen in der Stadt und gemeinschaftlich genutzte Brachen, den Park als Freizeitareal und Teile der Friedhöfe Neuköllns, die auf ganz spezielle Weise wieder zum Leben erweckt wurden.
Diese Erfahrungen sind Grundlage für ihre Tonformen und Holzskulpturen, mit denen sie abstrakt erscheinende „Introplastiken“ in Petrischalen und serielle Reihungen ornamentaler Formen anordnet, die aber auf konkrete Strukturen der Natur zurückzuführen sind.
Dazu gehören drei mit Musik unterlegte Videoloops von Friedhöfen und innerstädtischen Minigärten, deren kreative Gestaltung Hoffnung macht, dass die Bewohner sich nicht von der Unwirtlichkeit der Städte unterkriegen lassen.

Plastische Variationen

Neben den imposanten „Wandelhölzern“ aus gegeneinander verschiebbaren Holzsegmenten aus dem Hortus conclusus, versammelt in einem großen Raum, zeigt Nele Ströbel die Rasenstücke: plastische Variationen von Natur, die sich auf Dürers Großes Rasenstück berufen. Mag sein, dass sich hier auch eine Sehnsucht nach Natur manifestiert, wie sie in Wohnungseinrichtungen mit künstlichen Landschaften und Pflanzen zum Ausdruck kommt.
Das Konzept von Nele Ströbel, die sich in ihrer Arbeit immer mit sozialen Zusammenhängen und möglichen Alternativen für die Zukunft auseinandersetzt und Gleichnisse dafür in der Kunst sucht, erfordert Mitdenken und eröffnet dem, der sich ein wenig Mühe macht, Aspekte, die nicht immer neu, aber neu durchdacht sind. Es lohnt sich. (Ines Kohl)

Bis 22. Juni. Stadtgalerie, Östlicher Stadtgraben 28, 94469 Deggendorf. Di. bis Sa. 10 – 16 Uhr, So. 10 – 17 Uhr.
www.museen-deggendorf.de

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