Kultur

Trumpft auf: Nürnbergs neuer Mezzo-Star Jordanka Milkova als Carmen. (Foto: Missbach)

15.04.2011

Sex and Crime am am mexikanischen Grenzzaun

Nürnbergs neue "Carmen"

Opernfreunde stürmen derzeit die Kasse am Staatstheater Nürnberg für Rossinis Die Reise nach Reims. Vor der neuesten Premiere dürfen sie noch via Video sagen, was sie von Carmen wissen. Einen Teil davon können sie wieder vergessen – denn das Regieteam Laurent Laffargue und Philippe Casaban/Eric Charbeau (Bühne) verkauft Sevillas Spanien-Flair an billig gebautes Mexican-Border-Milieu. Schon die Ouverture unter Marc Tardue macht klar: Hier wird nicht samten-erotische Opéra comique gespielt, sondern Tacheles geredet mit Sex and Crime, bei dem es sogar Michaela an die Wäsche geht.
Aber ganz so schlimm kommt es dann doch nicht: Zwischen Wellblechbuden, Grenzzäunen oder einer Arena gibt es viel steifes Marschieren, wird vom Blatt gespielt und ins Publikum gesungen. Mittendrin im Dritte-Welt-Milieu, zwischen Büstenhaltern und Kittelschürzen eine Carmen mit Cowboyhut, die ihre Arien abliefert. Wäre da nicht die voluminös auftrumpfende Jordanka Milkova, Nürnbergs neuer Mezzo-Star, mit eher unterkühlter Erotik und lodernder Stimme, die den Genossinnen auch mal auf den Hintern klatscht: Man könnte die beiden ersten Akte gut vergessen.
Dann nimmt die Aufführung, auf jeden Fall im musikalischen Bereich, ordentlich Fahrt auf in Richtung Leidenschaft: zwar ohne mediterranen Bizet-Charme, aber mit der vokalen Durchschlagskraft der Protagonisten. Klein von Statur, eher tapsig im liebestrunkenen Spiel, aber mit großen Spitzentönen David Yim als José der B-Premiere, mit der dann doch zu lyrischer Innigkeit findenden Leah Gordon als Michaela oder dem Escamillo im wenig vorteilhaften Skelettkostüm (Melih Tepretmez).
Für die Nebenrollen greift das Staatstheater auf sein Opernstudio zurück. Das muss zu seinem Quintett und zu Lillas Pastias fränkischem Französisch schenkelschmeißende Musical-Gaudi verbreiten. Der Wachhund am Grenzzaun für die Wetbacks ist schnell bestochen, die Spielkarten signalisieren „Tod“, José erschießt seine Geliebte lautstark in die schönste Musik hinein.
Französische Regisseure halten das Opernpublikum offenbar für genauso begriffsstutzig wie in Deutschland, denn ein akrobatisch begabter Sensenmann muss die Leichenschau machen. Zumindest szenisch kann man diese neue Carmen schon jetzt ad acta legen. (Uwe Mitsching)

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