Kultur

Was der letzte Schrei der Männermode zu Beginn des neuen Jahrhunderts war, zeigt die Karikatur in der Dezemberausgabe vom Journal des Luxus und der Moden von 1801. (Foto: Stadtarchiv Schweinfurt/Slg. Rückert)

23.01.2015

Sexy um jeden Preis

Das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt präsentiert einen Streifzug durch das Diktat der Mode zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg

Porträts sind verbunden mit Accessoires, mit dem Gewand der Dargestellten, mit ihrer Frisur. Dieses Äußere unterliegt dem modischen Wandel. Und der hat zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg nicht gerade wenige Torheiten diktiert. Der Mode dieser Zeit spürt das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt unter dem Motto Geliebte Tyrannin anhand von 85 grafischen Exponaten nach; begleitet werden sie von Büchern wie dem Journal des Luxus und der Moden, von Fotos und weißen Papierkleidern: Das sind leicht übertriebenen Nachschöpfungen durch die Modeschule Nürnberg.
Maler wie Dillis, Kaulbach, Habermann, Kriehuber und Nachtmann, auch Zeichner und Karikaturisten bemühten sich, ein möglichst vorteilhaftes, wenn auch satirisch überzogenes Bild modisch gekleideter Damen und Herren abzuliefern. Dabei rückten sie auch die Kostbarkeit der Textilien oder die erotische Anziehungskraft der Porträtierten ins rechte Licht.
Die unterhaltsame Ausstellung, chronologisch gegliedert in vier Abteilungen, zeigt die Trends und damit die gesellschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Zeit. So konnte man an den Hosen der Herren zwischen 1790 und 1813 ihre politische Gesinnung ablesen: Nur Demokraten trugen die modischen Röhrenhosen. Damals waren auch die Fräcke noch bunt; im Lauf des 19. Jahrhunderts tendierten sie immer mehr zur Einfarbigkeit, zum dunklen Ton. Nur Weste und Halstuch zeugten noch von Luxus.
Dagegen orientierten sich graziöse Damen an Göttinnen der Antike. Ihre eher schlichten Chemise-Kleider mit hoher Taille, oft noch durch Schals ergänzt, betonten die Brust. Die weich fließenden Gewänder waren teilweise aus sehr dünnen, durchsichtigen Stoffen. Das förderte Erkältungen: Man sprach von „Musselin-Krankheiten“.
Besonders beliebtes Accessoir bei den Damen waren Schutenhüte.

Biedermeier-Püppchen

Der Versuch, eine deutsche Nationaltracht zu entwerfen, etwa eine altdeutsche Tracht mit Barett für die Herren, scheiterte am Diktat der Mode aus Paris und England.
Im Biedermeier fand man zur natürlichen Taille zurück – doch nun gab es Auswüchse in Gestalt riesiger Keulenärmel. Dekoriert mit Spitzen, Schleifen, Perlen, Bändern, in hellen Stoffen mit einem ebenso bleichen Teint und putzigen Korkenzieherlocken auf dem Kopf sollte die vornehme Frau einem Porzellanpüppchen gleichen. Der Herr wiederum stolzierte im Frack mit breiten Schößen, Zylinder und Gehstock umher.
In der Zeit der Restauration, ungefähr zwischen 1848 und 1875, wurde die Kleidung bürgerliches Statussymbol und neigte mit Krinoline und Turnüre zu Übertreibungen. Die Röcke wurden extrem weit, hatten bis zu zehn Meter Umfang, mussten durch Metallgestelle oder eingearbeitetes Rosshaar standfest gemacht werden. Um eine extrem schlanke Taille zu bekommen, zwängte man sich in ein Korsett – Deformierungen des Körpers waren die Folge. Ab 1870 galt ein betonter Allerwertester als chic – eine umgeschnallte Turnüre gaukelte ein prächtiges Hinterteil vor: Ein gefundenes Fressen für die Karikaturisten.

Unerotische Säcke

In den 1880er Jahren begann die Belle Epoque. Modisches Aussehen war auch bei den unteren Schichten angesagt. Man trieb Sport, arbeitete – Tragbares war gefragt. Also kam das Kostüm mit Bluse auf. Die vornehme Dame allerdings zog glänzende, glitzernde Stoffe vor und orientierte sich an der in Paris propagierten S-Linie. Sie trug einen „Humpelrock“, der ihr wegen der Enge an den Füßen nur Trippelschritte erlaubte. Dazu saß auf dem Kopf ein üppig dekorierter Riesenhut. Dagegen gefielen die formlosen Reformkleider, die Künstlerinnen wie Alma Mahler trugen, den meisten Damen nicht: Diese „Säcke“ versprühten zu wenig erotischen Reiz. (Renate Freyeisen)


Bis 8. März. Museum Georg Schäfer, Brückenstraße 20, 97421 Schweinfurt. Di. bis So. 10 – 17 Uhr, Do. 10 – 21 Uhr. www.museumgeorgschaefer.de

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