Kultur

Hitler als Drag-Queen. Es wollte ihn der Lächerlichkeit preisgeben, kommentierte ein Mädchen ihre Zusendung an Linda Ellia. (Foto: Museen Nürnberg)

29.06.2012

Solidarische Kunstaktion

Linda Ellias Projekt "Notre Combat" entmystifiziert Hitlers "Mein Kampf"

Wenn Ende 2015, 90 Jahre nach dem Erscheinen des Pamphlets, die Urheberrechte an Adolf Hitlers Kampfschrift Mein Kampf auslaufen und das Hetzwerk zur freien Disposition steht, also auch für den bislang verbotenen Nachdruck freigegeben ist, steht der Freistaat Bayern vor einem Problem: Als Erbe des Hitler-Nachlasses muss er sich überlegen, wie dem Missbrauch und der rechtsradikalen Propaganda mit dem publizistischen Machwerk, das Hitler nach seinem Putschversuch 1923 während der Festungshaft in Landsberg schrieb, vorgebeugt werden kann.
Eine kommentierte Edition des Instituts für Zeitgeschichte München sowie eine didaktische Anleitung der Bayerischen Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit sind derzeit im Entstehen, um das zu erwartende Interesse kommerziell abzufangen und – so weit das überhaupt möglich ist – in politisch korrekte Bahnen zu lenken.
Wie ganz anders man mit Mein Kampf umgehen kann, zeigt – erstmals in Deutschland – eine Ausstellung im Nürnberger NS-Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Sie präsentiert die bisher nur in Genf, San Francisco und im französischen Caen zu sehende Auseinandersetzung der französischen Künstlerin Linda Ellia mit Hitlers 1934 erstmals in französischer Übersetzung erschienenem Mon Combat – ein Projekt, in dem Linda Ellia den Kampf gegen Mon Combat zu ihrem und damit zu unserem künstlerischen Kampf machte: Notre Combat versammelt mittlerweile mehr als 600 Reaktionen von Menschen in aller Welt (aus insgesamt 17 Nationen) auf das Buch, darunter Künstler und Kinder, Opfer und Verfolgte, aber auch Passanten, die noch nie etwas von Mein Kampf gehört hatten.

Akt der Befreiung

Linda Ellias mittlerweile weltumspannendes Konzept geht auf ihre eigene Erfahrung zurück: als ihr ein Exemplar von Mon Combat in die Hände fiel, reagierte sie – als aus Tunis ausgewanderte sephardische Jüdin – mit Entsetzen, riss Blätter heraus und „beschmierte“ sie aus Abscheu, bearbeitete, durchstrich sie, überschrieb sie, gleichsam, um sie zu tilgen, auszulöschen. Ein Akt der Befreiung, der sie dazu brachte, auch andere – erst ihre Familie und ihre Freunde, dann Menschen in aller Welt – dazu zu animieren, auf jeweils eine herausgerissene Seite des französischen Originals von Mon Combat – wie auch immer – zu reagieren.
An die 400 dieser Blätter zeigt jetzt die Nürnberger Ausstellung dieser internationalen „solidarischen Kunstaktion“, die nicht nur malerisch und grafisch, sondern auch mit Objekten und Assemblagen auf Hitlers chauvinistische, rassistische, vor allem antisemitische und demokratiefeindliche Obsessionen eingehen.
Da fällt etwa dem französischen Comic-Zeichner Bilal ein Kinderwagen ein, aus dem schwarzer Rauch steigt und der auf Rädern aus Hakenkreuzen rollt; oder Hitlers Mein Kampf kommt als Fließtext auf einer Klopapierrolle daher, oder wird von Stacheldraht gerahmt oder buchstäblich hinter Schloss und Riegel gebracht. Auf einer Schuhsohle wird Mein Kampf sprichwörtlich in den Staub getreten, so auch wie (jüngstes Blatt der in Nürnberg zur Ausstellungseröffnung angereisten Künstlerin) Linda Ellia auf einer alten Schreibmaschine des Museums, die noch eine Taste mit den „SS“-Runen hatte, symptomatische Wörter der Nazi-Terminologie, wie Rasse und Hass, mit dieser Taste überschrieb.
Der Glorifizierung und Auratisierung von Hitlers Mein Kampf, die nach 2015 mehr denn je droht, begegnet Linda Ellia mit ihrem sich ständig erweiterndem Projekt, das das geheimnisumwitterte, zum Mythos hochstilisierte Buch entmystifizieren, entzaubern und seiner Magie berauben, ja, auch banalisieren will. Besucher der Nürnberger Ausstellung, vor allem Schüler, können während der Ausstellung gleichsam unbeschriebene Blätter aus Mein Kampf beschreiben, überschreiben – und damit vielleicht auch bewältigen. (Friedrich J. Bröder)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 49 (2017)

Paragraf 219a: Soll das Werbeverbot für Abtreibungen abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 8. Dezember 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Simone Strohmayr, Vize-Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag

(JA)

Winfried Bausback (CSU), bayerischer Justizminister

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.