Kultur

Während das Lenbachhaus saniert wurde, soll die 183 Jahre alte Paul-Heyse-Villa nebenan einem Neubau weichen. (Foto: Thomas Stankiewicz)

16.08.2013

Sorge um die Kleindichter-Bewahranstalt

Die Münchner Villa des Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse soll abgerissen werden

Mit ihren Dönerbuden, Rotlichtbars und der Zentrale der Sittenpolizei ist die Goethestraße vortrefflich dem Münchner Bahnhofsmilieu angepasst. Ein ähnliches Bild bieten die beiden Parallelstraßen, welche Friedrich Schiller und Paul Heyse gewidmet sind. Letzterer, der einst dem Berliner Dichterkreis Tunnel über der Spree angehört hatte, musste seinen Namen obendrein für den schäbigsten Straßentunnel der Innenstadt hergeben. Den großen Dichtern hat die „zweitgrößte Literaturstadt der Welt nach New York“ (Bernhard Setzwein) wahrlich keine Vorzugsplätze im Stadtbild eingeräumt. Könige, Kurfürsten und insbesondere Bildende Künstler, deren fürstliche Villen aufwändig renoviert wurden, kommen da sehr viel besser weg.

Geschäftshaus statt Villa

Neuerdings spricht man aber wieder vom fast vergessenen Wahl- und Ehrenbürger Heyse. Die schöne, in 183 Jahren allerdings immer wieder veränderte Villa nämlich, in deren Ursprungsbau er 42 Jahre lang residiert hatte, soll abgerissen werden; auf dem 1300 Quadratmeter großen, bislang noch idyllisch bewaldeten Gelände ist ein lukratives fünfstöckiges Geschäfts- und Wohnhaus geplant. 1854 hatte König Max II. den 24-jährigen Lyriker, Dramatiker und Novellisten aus Berlin nach München berufen und sogleich, zusammen mit weiteren aus dem Norden angelockten Geistesgrößen, zu seinen regelmäßigen Symposien gebeten.

Auch in Heyses Villa in der heutigen Luisenstraße 22 trafen sich befreundete Großdichter wie Felix Dahn, Gottfried Keller, Franz Grillparzer, Friedrich Hebbel, Emanuel Geibel, Friedrich Bodenstedt, Viktor von Scheffel sowie Theodor Fontane und Theodor Storm vom Tunnel-Kreis. Nach dessen Vorbild gründete Paul Heyse die Gesellschaft Krokodil. Sie sollte junge und alte Schriftsteller ebenso zusammenbringen wie die von Alteingesessenen angefeindeten Nordlichter mit einigen urbayerischen Talenten. Darunter Graf Pocci, Franz von Kobell, Karl Stieler und Ludwig Steub, deren Dialektstücke Heyse in einem Almanach erstmals populär machte.

So gedieh München allmählich zu einer Art Nach-Weimar oder – wie Josef von Eichendorff in Berlin spöttelte – zu einer „Kleindichterbewahranstalt“. Nun musste auch der rasch avancierte Paul Heyse anerkennen: „München ist die einzige Stadt in Deutschland, wo Dichter leben können.“

Die Villa war das erste bürgerliche Gebäude, das 1830 im Umkreis der Klenze-Bauten am Königsplatz, hinter der Glyptothek, von einem Hafnermeister errichtet wurde. Ludwig I. persönlich hatte den zweigeschossigen Bau noch genehmigt, ihm lag an einer, dem klassizistischen Ensemble angepassten Planung. Nach dem Tod der Witwe von Heyse kaufte ihn der Farbenfabrikant Ludwig Rosner.

Heute gehört die Immobilie dem Gütersloher Hausgerätehersteller Reinhard Zinkann. 2008 beantragte der Miele-Mann beim Münchner Baureferat eine Abrissgenehmigung. Mit einem privaten Gutachten, wonach wegen der sehr starken Kriegsschäden kein Denkmalschutz mehr bestehe, untermauerte er den Antrag, den die Stadt zunächst ablehnte. Als Gutachter der Paul-Heyse-Freunde konnte Professor Florian Zimmermann jetzt nachweisen, dass die Bauform der seit 1950 so bestehenden Villa den Absichten Königs Ludwigs I. aus der Zeit der Glyptothek-Planung und die umliegenden Grünanlagen als Heiliger Hain besser entspricht, als Neureuthers Nachfolgebau.

Mit der Rückkehr zu einem Urzustand, so erläutert der Bezirksausschussvorsitzende Oskar Holl das jüngste Gutachten, bildet das heutige Aussehen der Heyse-Villa auch das einzige noch existierende Zeugnis jener Stadtkonzeption, die Karl von Fischer 1809 für die Maxvorstadt eigentlich gehabt hatte: eine Gartenstadt. Erst als Klenze die Leitung des Ausbaus der Maxvorstadt übernommen hatte, ist man zu einer kleinteiligen Blockrandbebauung in der Maxvorstadt gekommen, so wie in nachträglich geplanten Seitenstraßen zu sehen.

Während der großartige, aus Steuern bezahlte Umbau des stadteigenen Lenbachhauses, im April 2013 seine glanzvolle Vollendung feierte, wurde die direkt gegenüber liegende Dichtervilla zum noch unentschiedenen Streitfall. Auf seiner Jahresversammlung warnte der Landesverein für Heimatpflege: Durch Abbruch dieses Kulturdenkmals und den geplanten Neubau würde „die städtebauliche Situation, die in der Baupolitik Ludwigs I. eine besondere Wertschätzung erfuhr, zerstört und das Erscheinungsbild auch der Glyptothek zum Nachteil verändert“. Zuvor hatten bereits Mitglieder des Bezirksausschusses Maxvorstadt mit Plakaten und Unterschriftslisten ihre Kampfbereitschaft für eines der letzten Münchner Dichterhäuser signalisiert. „Es geht mir gar nicht darum, Kulturgut zu zerstören,“ sagte Zinkann seiner Westfälischen Heimatzeitung. Immerhin habe er fünf verschiedene Bauvarianten eingereicht. Was aus dem Anwesen werden soll, interessiert natürlich auch die Nachbarn, die von den Plänen überhaupt nicht informiert worden waren.

Wie immer eine Lösung aussehen wird, für die Stadtschützer ist wichtig, dass die Paul-Heyse-Villa nicht ein ähnliches Schicksal erfährt wie die Thomas-Mann-Villa in Bogenhausen: Nach wiederholtem Besitzerwechsel, nach schönen Gedenkstättenplänen und weniger schöner Radikalsanierung hat schließlich ein Banker aus Frankfurt das Ganze erworben und hinter einem Neubau eine das Original nur ungefähr kopierende Hauptfassade gestellt, die Kulturtouristen durch den Zaunspalt hindurch als Thomas-Mann-Haus vorgegaukelt wird, aber nach Ansicht des einschlägig engagierten Dirk Heißerer nur ein „Fake“ ist.

Stadtschützer sind alarmiert

Der unermüdliche Bezirksausschussvorsitzende Klaus Bäumler hatte schon 2008 im Rathaus eine Gedenktafel am Heyse-Haus vorgeschlagen – keine Reaktion. Jetzt hofft er, dass sie endlich zum Tag des Offenen Denkmals am 8. September als Säule an der Luisenstraße aufgestellt werden kann. Spätestens zum 100. Todestag des Dichters im April 2014 möchten Münchens Kulturbürger das alte Haus gerettet wissen. (Karl Stankiewitz)

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