Kultur

Gewichtiger und kunstsinniger Wittelsbacher: Ottheinrich, ein Enkel von Georg dem Reichen, war von 1505 bis 1559 Herr über das neugeschaffene Fürstentum Pfalz-Neuburg; 1556 wurde er obendrein Kurfürst der Pfalz. (Foto: bpk/RMN)

20.09.2013

Spagat zwischen Rhein und Isar

Ausflug nach Mannheim: Ausstellung über die Wittelsbacher und die Kurpfalz

Die Dynastie der Wittelsbacher wird vor allem im Freistaat zuvörderst mit Bayern in Verbindung gebracht – hat aber mit der Kurpfalz ein zweites Territorium innegehabt, das politisch und kulturell ebenso bedeutsam wie das bayerische Stammland war. Die zunächst in Heidelberg residierende – rudolfinische – Linie der Wittelsbacher besaß über Jahrhunderte die Kurwürde und war bei Königsabsenz die höchste Instanz im Reich.
Eine beeindruckende Ausstellung in Mannheim, dem späteren Residenzort der Kurpfalz, erinnert nun an dieses Land Kurpfalz, das nur noch in der Erinnerung besteht. Und taucht ab in die Geschichte einer bedeutsamen Fürstenfamilie. Wohldosiert, mit Exponaten üppiger Zahl ausgestattet, aber nie mit erdrückendem Informationswust belastend, entsteht in zwei Ausstellungshäusern ein faszinierender Rundgang durch die Jahrhunderte. Selten wurde Geschichte so präzise und unprätentiös zugleich, so informativ, aber ohne jede überwölbende Gelehrsamkeit vermittelt.
Die Geschichte Bayerns und der Kurpfalz war eine miteinander verwobene. Die Herrscher über beide Territorien schmückten sich mit denselben Titeln: Seit 1180 waren sie die Herzöge von Bayern und seit 1214 Pfalzgrafen bei Rhein. Und sie nutzten dasselbe Wappen: Löwe und Rauten. Das blieben denn auch die Familiengemeinsamkeiten trotz der Trennung des Territorialbesitzes im Vertrag von Pavia des Jahres 1329. Kurpfalz plus Oberpfalz (die so hieß, weil sie geografisch nördlicher war) und Bayern gingen seitdem getrennte Wege, Titel und Wappen blieben identisch. Diese getrennten Wege konnten sogar in den Krieg führen: Zum Beispiel in der Auseinandersetzung zwischen dem Heidelberger und dem Münchner Machthaber um das Landshuter Erbe des söhnelos gestorbenen Herzogs Georg des Reichen.
Die Auseinandersetzung zwischen Bayern und der Pfalz im Dreißigjährigen Krieg hatte religiöse Hintergründe, aber auch einen politischen: Während in besagtem Hausvertrag festgelegt worden war, dass die Kurwürde zwischen Pfalz und Bayern abwechseln solle, legte sich die Goldene Bulle von 1356 auf den Pfälzer als Königswähler fest. Grund für dauerhaften Groll. Der Bayernherzog Maximilian I. erstritt sich dieses Kurrecht schließlich zurück.
Der Hausvertrag von Pavia entfaltete im Jahr 1777 noch einmal seine Wirkung. Nachdem der bayerische Zweig der Familie ausstarb, erbte der Pfälzer Carl Theodor das – von ihm ungeliebte Land. Und 1799 kam eine weitere Seitenlinie an die Regierung in München: Es war der letzte Wittelsbacher Maximilian Joseph von Pfalz-Zweibrücken, der später als Max I. Joseph die Dynastie der bayerischen Könige gründete. Es war, wie die Mannheimer Lokalforschung ergab, also nicht nur der Leberkäse eine kurpfälzische Erfindung, es waren auch die bayerischen Könige kurpfälzische Gewächse.

Ohne Nostalgie

Diese vielen Jahrhunderte wittelsbachisch-kurpfälzischer Geschichte haben neben der groben reichsgeschichtlichen Rahmenhandlung zahlreiche Details, die in der Ausstellung verdeutlicht werden. Bücher, Urkunden, archäologische und archivalische Funde, Landkarten, Tafelbilder, Reste, Rekonstruktionen und Rüstungen ergeben ein kaleidoskopartiges, abwechslungsreiches Bild. Zu sehen gibt es außerdem kleine filmische, im Computer gestaltete Schaubeiträge, wie etwa die Stammburg der Wittelsbacher ausgesehen haben mag. Oder wie die Franzosen 1693 das Heidelberger Schloss über dem Neckar kaputtschossen.
Die Verfassungsgeschichte des alten Reichs, der Rhein als Handelsweg und als künstlerischer Innovationsraum, Heidelberg und die Universität, Maße, Münzen und Gewichte, die einst so reichhaltige jüdische Kultur in Speyer, Worms und Mainz, die Alltagswirklichkeit der Leute. Eine Themenvielfalt die zeigt: Die Vergangenheit der Kurpfalz wird – ohne nostalgische Verklärung – in der Mannheimer Ausstellung vielschichtig nachgezeichnet.
(Christian Muggenthaler)


Bis 2. März 2014. Museum Zeughaus/Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Weltkulturen D5, 68159 Mannheim. Tgl. 11 – 18 Uhr.
Barockschloss, Bismarckstraße, Schloss Mittelbau, 68161 Mannheim. Di. bis So. und Fei. 10 – 17 Uhr. www.wittelsbacher2013.de

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