Kultur

Ein Fleckchen Natur – aber keine unberührte: Diese „Maiwiese“, in Öl gemalt von Brigitte Stenzel, hat bestimmt eine üppige Portion Dünger, versetzt mit allerlei Chemikalien, abbekommen. Der Blick ins Blaue bleibt nicht an Wölkchen hängen, sondern an Kondensstreifen. (Foto: Walter Bayer)

13.04.2018

Spielplatz der Assoziationen

Das Münchner Literaturhaus lockt ins Blaue

Ja da legst di nieder: Eigens für die Besucher dieser Ausstellung wurde ein Himmelbett aufgestellt, das diesen Namen verdient. Wer sich darauf legt und nach oben blickt, sieht tatsächlich am Baldachin Wolken dahinziehen. Als Videoprojektion natürlich. Doch nicht nur der Himmel ist eine High-Tech-Simulation von Natur. Auch der frisch gemähte Rasen, der als Matratze dient, besteht aus Plastik.
Aber diese Anmutung von Künstlichkeit ist buchstäblich ein Kunstgriff des bewährten Gestalterteams unodue{, das einmal mehr ein geniales Ambiente geschaffen hat für die neue Schau im Münchner Literaturhaus. Die widmet sich nämlich dem Thema „Natur in der Literatur“, und all die Knochen, Pelze, Pilze, die hier versammelt sind, kommen erst im Kontrast zur betont unnatürlichen Museumsumgebung effektvoll zur Geltung.
Angesichts der Uferlosigkeit des Themas taten die Ausstellungsmacher das einzig Richtige: Statt einer systematisch-historischen Abhandlung präsentieren sie einen Spielplatz poetischer Assoziationen und werden dem Verhältnis der Dichter zur Natur damit am ehesten gerecht. Weshalb die Schau ja auch nicht „Ins Grüne“ heißt, sondern Ins Blaue!.
Man hat also (ins Blaue hinein?) Gegenwartsautoren gebeten, irgend ein persönliches Natur-Fundstück als Leihgabe zu schicken – und einen kurzen Text dazu. Angekommen sind dann alle möglichen Alltagsfetische, wie sie fast jeder sammelt: Souvenirs von Wanderungen, Kuriositäten, Krimskrams, der dem Einzelnen irgend etwas bedeutet. Als Klassiker erweisen sich dabei Steine, schließlich war schon Goethe ein leidenschaftlicher Mineraliensammler. Und so schickte etwa Raoul Schrott einen Brocken Gneis, der mit seinem Alter von 4,2 Milliarden Jahren zum urigsten Urgestein überhaupt gehört. Christoph Ransmayr steuert Fragmente jenes Meteoriten aus Yucatan bei, der womöglich fürs Aussterben der Dinosaurier verantwortlich war, und vom Lyriker Jan Wagner stammt ein unscheinbares Häufchen Torf aus einem irischen Moor, in dem sich der Büchner-Preisträger einst auf der Suche nach einer Kneipe verirrte.

Ins Paradies luren

Sehr dezent kommt der historische Teil daher. All die Manuskripte, Briefe, Fotos, die sonst in Literaturausstellungen dominieren, sind hier nur als Bilder präsent, gedruckt auf Schautäfelchen, die wie Blüten auf Metallstängeln wippen. Gleich daneben darf man an Kräutern reiben und riechen, auf knirschendem Kies eine Dunkelkammer betreten, wo der Ruf der Wildtaube ertönt, und zwischendurch geht es sogar ins Freie: Nur von der Ausstellung aus hat man Zugang zu dem temporären Gärtchen, das auf dem Platz hinter dem Literaturhaus entstand. Von einer hohen Bretterwand umschlossen, ist dieser „hortus conclusus“ ein grünendes Idyll samt Bank und Springbrunnen. Für Neugierige hat man ein paar Löcher in den Zaun gebohrt, damit sie wie der Brandner Kaspar ins Paradies luren können. „Natürlich“ sollen sie dabei neidisch werden und umgehend die Ausstellung betreten. Ins Blaue hinein quasi. (Alexander Altmann)

Information: Bis 7. Oktober. Literaturhaus, Salvatorplatz 1, 80333 München. Mo. bis Fr. 11-19 Uhr, Sa./So. 10-18 Uhr.

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