Kultur

Goldzier von einem Priestergewand. (Foto: Knauf Museum)

07.09.2012

Sprechende Funde

Das Knauf-Museum Iphofen zeigt spektakuläre Funde vom Bullenheimer Berg

Wie lebten unsere Vorfahren, vor allem jene, aus deren Zeit es keine schriftlichen Aufzeichnungen gab? Die Suche nach Antworten führt oft ins Geheimnisvolle, Spekulative. Das ist auch in der Ausstellung Mythos Bullenheimer Berg im Knauf-Museum Iphofen so – und doch ermöglicht sie einen etwas konkreteren Blick in die Vergangenheit vor über 3000 Jahren: Zu sehen sind nämlich sehr reale, umfangreiche Funde und Rekonstruktionen.
Anschaulich wird vorgeführt, dass sich auf dem Plateau des Tafelbergs im Süden des Steigerwalds zur Bronzezeit eine etwa 30 Hektar umfassende, von einer wehrhaften Wallanlage umgebene, stadtartige Siedlung befand. Um sich deren Funktionieren vorzustellen, „besteigt“ man im großen Raum einen „Berg“: Sein Profil ist dem Bullenheimer Berg nachgebaut. Von oben aus kann man sich in die virtuelle Rekonstruktion dieser bronzezeitlichen Anlage mit verständlichen Erläuterungen per Audioguide vertiefen.
So gerüstet erfährt man dann, was – oft räuberische – Schatzgräber, und Archäologen zu Tage gefördert haben. Ein Großteil der illegal zutage geförderten Funde ist in dunklen Kanälen verschwunden. Über den Kunsthandel gelangten einige der Schätze in die Archäologische Staatssammlung München und das Germanische Nationalmuseum Nürnberg; im Mainfränkischen Museum Würzburg werden die universitären Entdeckungen gehütet.

Eigene Bronzeverarbeitung

Zu sehen sind vor allem Hortfunde aus Bronze um 900 v. Chr. Es sind ehemals benutzte oder benutzbare Gegenstände, die als Weihegaben für die Götter in oder auf der Erde abgelegt wurden und zum Zeichen, dass sie nicht (mehr) gebraucht wurden, bewusst beschädigt worden waren.
Diese Objekte aus wertvoller Bronze wurden auf dem Berg in einem komplizierten Schmelzverfahren hergestellt und in Formen gegossen. Das Grundmaterial wurde wohl auf dem Main herbeigeschafft. Es entstanden Beile, Sicheln, Äxte, Lanzenspitzen, Schwerter, Messer und viele unregelmäßig runde „Schaukelringe“ für Arm- oder Fußgelenke, auch schwere Ringgehänge für hochgestellte Persönlichkeiten, Gefäße, Schmuckscheiben für Pferde-Zaumzeug, versehen mit Vogel-Klappern, Radkappen mit Enten-Verzierung für einen hölzernen Kultwagen, der als Rekonstruktion zu sehen ist. Er wurde wohl bei Weihezeremonien, und vermutlich mit Getöse durch die Siedlung gekarrt.

Rätselhafte Goldhüte


Spektakulär sind die verzierten Funde aus dünnem Goldblech. Es sind wohl Besatzstücke für ein Priestergewand: zwei länglich-ovale Teile und sechs buckelartige „Knöpfe“ mit Mustern aus stilisierten Kreisaugen, sowie sechs Goldspiralringe für den Arm.
All diese Funde belegen die Existenz einer hoch entwickelten, aber eben schriftlosen Kultur mit einer möglicherweise arbeitsteiligen, hierarchisch aufgebauten Gesellschaft, deren wirtschaftliche Grundlage der Ackerbau am Fuß des Berges war. An der Spitze standen wohl Schwertträger und Priester. Wie diese ausgesehen haben könnten, zeigt eine Video-Animation: Möglicherweise trugen sie hohe, spitze Goldhüte. Denn der wahrscheinlich am Bullenheimer Berg gefundene, heute im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte aufbewahrte große Goldhut und der etwas kleinere aus Schifferstadt – die Ausstellung zeigt Repliken von beiden – weisen die gleichen Muster auf wie die Goldverzierungen am Priestergewand. Sie sind nach Einschätzung der Wissenschaftler Sonnensymbole. Der Priester hatte also das exklusive Wissens um den Kalender, was besonders wichtig war für den Ackerbau.
Unser Wissen über diese Zeit ist anhand solcher Funde, wie sie die Ausstellung zeigt, zwar tatsächlich ein wenig konkreter geworden – aber noch immer bleibt staunendes Rätsel über die Kunstfertigkeit der Schöpfer dieser Objekte. (Renate Freyeisen)

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