Kultur

Die Synagoge Georgensgmünd im mittelfränkischen Landkreis Roth war lange ein verwahrlostes Lagerhaus – heute ist sie wieder ein jüdisches Gemeindehaus und Kulturzentrum. Foto: Liedel

12.02.2010

Spuren der Vergangenheit

Eine Fotoausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zeigt das Schicksal von Synagogen auf dem Land

Sie dienten als Turnhallen und Feuerwehrhäuser, Streusalz-Depots und Pferdeställe, als Geräteschuppen und Lagerhäuser – und noch Jahrzehnte nach ihrer Zerstörung und Auflösung durch die Nazis in der Reichspogromnacht 1938 kümmerte sich niemand um die längst zweckentfremdeten Synagogen und Gebetshäuser der einstigen jüdischen Landgemeinden in Franken. An die 35 000 Juden lebten um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Franken, zumeist auf dem Land, weil sie aus den Städten, wo sie schon vor der ersten Jahrtausendwende siedelten, vertrieben worden waren; die Dörfer und kleineren Städte, wo sie sich ansiedeln konnten, ließen sich freilich den „Judenschutz“ gut bezahlen, bis das Nazi-Reich das jüdische Leben zum Erlöschen brachte. Die Spuren jüdischen Lebens sind in Franken noch vorhanden: selten jüdische Wohnhäuser, oft aber Synagogen und vor allem Friedhöfe, die von der Zerstörung verschont blieben, weil sie weitab von den Dörfern lagen, in denen die Juden ihre Toten nicht begraben durften. Vor 25 Jahren starteten die beiden Nürnberger Fotografen Herbert Liedel und Helmut Dollhopf ein Langzeitprojekt, begaben sich auf Spurensuche und fotografierten damals die Relikte jüdischen Lebens in Franken. Über all die Jahre hinweg dokumentierten sie fotografisch den Verfall dieser oft verwahrlosten und zweckentfremdeten Überbleibsel – oder deren Wiederentdeckung und Restauration, die zumeist erst in den 1990er Jahren einsetzte. Jetzt zeigt das NS-Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg die jüdischen Gottes- und Gebetshäuser – damals und heute. Zu welch höchst unterschiedlichen Lösungen die Restauratoren dabei kamen und vor welchen Entscheidungen sie standen, demonstrieren die Fotografien der Außenansichten und der Interieurs der einstigen, heute mangels jüdischen Lebens meist als Museen und Kulturzentren genutzten Synagogen. Bei der Wiederherstellung, Renovierung und Sanierung stellten sich immer wieder die gleichen Fragen und Probleme: Stellt man den Bauzustand vor dem Pogrom 1938 wieder her, was aber darauf hinausläuft, die Spuren des rassischen Antisemitismus der Nazis zu tilgen? Oder konserviert man die Verwüstungen und Zerstörungen und dokumentiert damit die Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens in Franken?

(Friedrich J. Bröder)

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