Kultur

Wiederentdeckung nach über 100 Jahren: Erma Bossis Beweinung Christi von 1911. (Foto: Schlossmuseum Murnau)

30.08.2013

Spurensuche am Staffelsee

Das Schlossmuseum Murnau zeigt lange verschollene Werke der Künstlerin Erma Bossi

Wassily Kandinsky hat die Wadlstutzn an, Wandersandalen, einen blauen Janker und sitzt am Kaffeetisch in Murnau. Ihm gegenüber mit langem Rock und weißer Bluse der Besuch: Erma Bossi. Gabriele Münter ist nicht zu sehen: sie hat die Szene gemalt. Und dieser Erma Bossi bei aller sonstigen Detailfreude dieses Ölbilds keine wiedererkennbaren Züge gegeben. Dabei ist es bis vor kurzem auch geblieben: die Bossi – ein unbekanntes Wesen. Jetzt hat das Schlossmuseum Murnau die Künstlerin wiederentdeckt und zeigt dieses Münter-Bild vom Kaffeetisch gleich zu Beginn einer vielbesuchten Sonderausstellung: 2001 war es erworben worden, andere Bossis hängen im Münchner Lenbachhaus. Fast hundert Jahre ist es her, dass die Bossi in Murnau war.

Später Ruhm

„Nicht abzusehen, wieweit man mit der Forschung kommen würde“, „über den Verbleib der Arbeiten nichts bekannt“, „manche waren seit 1910/11 und den Ausstellungen der Neuen Künstlervereinigung München verschollen“ – auch jetzt nach der Wiederentdeckung bleiben viele Fragen über Werk und Person Erma Bossis offen. Und schickt die Ausstellung im Murnauer Schlossmuseum den Besucher auf eine überaus interessante Spurensuche durch halb Europa: ins einstige K.u.K.-Triest, nach München oder Paris und auch ins aufgeblätterte Verzeichnis der in Murnau weilenden Sommergäste (Marktarchiv Murnau). Unter dem Jahr 1908 steht da tatsächlich: „Erma Bossi, Kunstmalerin aus München, in Wohnung“ bei einem Herrn Echter – typisch Bossi, dass hinter der Hausnummer gleich wieder ein Fragezeichen steht.

In den Schaukästen gleich daneben auch die Skizzen der Münter zum Kaffeeplausch-Gemälde oder eine Postkarte, die Bossi 1910 aus Pisa an Kandinsky und Münter schrieb: Nicht „Deutschland“, sondern „Baviera“ steht da schwungvoll über der Adresse, über die Ainmüllerstraße in München wurde die Karte ins Sommerhaus nach Murnau expediert. Das Portrait der Bossi, das die Münter auf dem Gemälde schuldig geblieben war, liefert eine Fotografie nach: Erma Bossi (1875 - 1952) in München, die Frisur wiedererkennbar und diesmal unter einem üppigen Hut mit Vogeldeko. Noch mehr Bossi: ein Ölgemälde von Carlo Wostry (1865 - 1943), das die schwellende Üppigkeit der Bossi in den ziemlich kitschigen Schwung von Kleid und Rüschen umsetzt: der „ausgezeichneten Kollegin“ 1902 gewidmet.

Aber natürlich interessiert abgesehen von all diesen Lebenslauf-Indizien und Memorabilia das, was die Bossi selbst gemalt hat. Da zeigt die Murnauer Schau synoptisch sehr treffend, was sie an Anregungen aufgenommen und wie sie es verarbeitet hat: das Bildnis der Marianne von Werefkin (1909/10), die zusammen mit Alexander von Jawlensky auch in Murnau war, ganz in deren Stil, Im Café aus der gleichen Zeit à la Münter, vieles im Kontext mit Braque, Toulouse-Lautrec, den Fauves, ja mit dem Karikaturisten Daumier. Die Bossi setzt das alles um in das suggestive Ölbild In der Oper, eine faszinierende Tänzerin in Rot, alles aus der gleichen Zeit. Die war offenbar ihre reichste Periode mit Reisen, Begegnungen, Ausstellungen. Anklänge an den Kubismus finden sich bei den Badenden – das alles ist in den ersten Räumen der Ausstellung geschickt arrangiert, macht gespannt, wie es mit der Bossi weitergeht. Ja, und dann folgt Geschmäcklerisches.

Das Portrait eines Mädchens, Brioni und ein Restaurant im Hof zeigen die stilistische Inkonsequenz der Malerin. Eine erstaunliche Amateurhaftigkeit, vieles parallel zum populären, ja populistischen Geschmack am Ende der zwanziger Jahre und einer Triester Ausstellung des dortigen „Sindacato Regionale Fascista“: süßlich, genrehaft und ein Rückschritt hinter das, was die in Pula geborene und in Triest aufgewachsene Malerin in München oder Paris gelernt hatte. Aber das eben gehört auch zur Spurensuche in Sachen Erma Bossi. Die hat noch längst nicht aufgehört: Aufgrund der Publizität der aktuellen Ausstellung, so berichtet Christiane Ickerott-Bilgic vom Museum Murnau, melden sich Sammler und stellen ihr noch mehr Erma Bossi zur Verfügung. (Uwe Mitsching)

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