Kultur

10.07.2015

Standing ovations

"Nabucco" von Christian Stückl in Oberammergau

Nicht nur wenn Obama kommt, ist was los im Oberland: Jetzt hat die neue „Arena di Verona“ Premiere, die eigentlich Passionstheater Oberammergau heißt. 3100 Plätze sind ausverkauft und man spielt 2015 genauso wie bei der italienischen Konkurrenz Verdis Nabucco. Christian Stückl, Oberammergauer Urgewächs, Passionsspiel-Spielleiter und Intendant des Münchner Volkstheaters, weiß, was er bei der ersten Oper daheim seinem Publikum bieten muss und zumuten kann. Lässt sich von Stefan Hageneier eine Art Wüsten-Petra in den Sand der Riesenbühne bauen: viele Tore und Türen für die mindestens 200 Mitwirkenden, die sich als Volk Israel im Nahostkonflikt von damals herumschubsen lassen müssen.
In Orient-Stoffen ist Stückl bewandert, seit er die Passionsfestspiele ins Leben gerufen hat: von Shakespeare, nach Thomas Mann – oder ganz einfach nach der Bibel (Moses). Und wann immer Massen auf die Bühne müssen: er hat seine Oberammergauer, diesmal als stimmgewaltigen und leidensfähigen „Chor des Passionstheaters“.
Unter der versierten Einstudierung von Markus Zwing ist der eine sichere Bank dieser Aufführung, im berühmten „Gefangenenchor“ unter nachtblauem Himmel mit berückend schönem Piano. Schon während der Overture ist Krieg: Iraker gegen Israelis, die Kinder müssen als erste dran glauben – kein Wunder, dass die Menschen der Freiheitsmelodie wie einer Vision verzückt lauschen. Bis die Freiheit dann Wirklichkeit wird, gibt es Hauen und Stechen mittels Schwert und Kalaschnikow, die Propagandareden der Priesterschaft aller Seiten, eine etwas unterbelichtete Liebesgeschichte zwischen den Fronten und den Machtkampf zwischen König Nabucco und seiner machtgeilen Tochter Abigaille. Mit solchen Bildern, Farben, Aufmärschen ist das Publikum aus den täglichen Fernsehnachrichten vertraut – vielleicht nicht gerade mit einem braven Oberland-Gaul, auf dem der König in Jerusalem eingeritten kommt. Aber das ist wohl dem Verona-Vorbild geschuldet, ansonsten hat Stückl Verdi inszeniert, dass sein Publikum am Ende in Beifallsstürme ausbricht.

Stimme wie ein Schwert


Das liegt natürlich auch an Verdis effektvoller Musik, die Ainars Rubikis mit Blitz und Donner herniederfahren lässt: kein Tourneetheater-Direttore von der Stange, sondern einer der jungen Pult-Wilden. Er feuert die „Neue Philharmonie München“ zu schmissiger Dramatik und sehnsuchtsvoller Poesie in flotten Tempi an. Dass die Verstärkeranlage um einiges zu viel des Guten tut, kam weniger den feinen Ohren im Parkett als den Sängern zugute – alle haben plötzlich Riesenstimmen. Evez Abdullas differenziert spielender König wahrscheinlich sowieso oder das rothaarige Luder Abigaille (Irina Rindzuner) mit ihrer Stimme wie ein Schwert.
Der Tenorheld in Nabucco heißt Ismaele, ist hin und hergerissen zwischen Liebe zur Feindin und eigener Staatsraison: Ein schön singender Schlaffi (Attilio Glaser), dem der Schwiegervater in den Hintern tritt. Virginie Verrez steht zitternd und zagend dekorativ und hübsch als Fenena zwischen allen Seiten. Da wechseln die Fronten schnell, Israeliten sehen wie Palästinenser aus und kämpfen mit Irakern. Alle aber sind angefeuert von guter alter Opernleidenschaft: Oberammergau als Asyl für Regietheater-Geschädigte, Standing Ovations für Stückl, den großen Motivator. (Uwe Mitsching)

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