Kultur

07.06.2013

Staubfreie Archaik

Marcus Everding über die ungebrochene Aktualität der Andechser "Carl Orff Festpiele"

„O Fortuna, velut luna, statu variabilis“ – nein, „wandelbar wie der Mond“ ist er nicht, der Erfolg von Carl Orffs Carmina burana, die mit dieser Zeile beginnen. Seit der Uraufführung 1937 in Frankfurt sind sie das meistgespielte Mittelalter-Musik-Spektakel weltweit. Auch diesen Sommer will Marcus Everding bei den Andechser „Carl Orff Festspielen“ nicht darauf verzichten. Diese finden seit 1998 alljährlich im Florian-Stadl statt – nicht nur, weil der 1885 in München geborene Orff es sich gewünscht hat, hier in der Nähe des Ammersees, wo er zuletzt gewohnt hat, beerdigt zu werden. Sondern weil dieses neben Wagner-Bayreuth und Strauss-Garmisch einzige Komponistenfestival Bayerns den Staub vom Werk Orffs gründlich wegblasen soll – Staub, den es auf den Carmina sowieso nicht gibt. Aber – so Everding – auch nicht auf dem „Rest“ des umfangreichen Werks: Das Orffsche Schulwerk ist auf nahezu allen Kontinenten Grundlage kindlicher Musikerziehung, den Prometheus auf Altgriechisch gibt es erst jetzt wieder bei der Ruhrtriennale.

Frauen und Macht

Marcus Everding, im Haus seiner Eltern mit Orff persönlich und seinem Werk aufgewachsen, weiß viele Gründe, warum Orff keine Patina angesetzt hat: die Mischung aus Archaik und eigener Selbstbetroffenheit, die tiefe Verwurzelung im Rhythmus, die Grundkonflikte zwischen Mann und Frau, und mit Die Kluge, Die Bernauerin (auch dieses Jahr wieder auf dem Spielplan) und Antigonae auch das Thema starke Frauen und Machtstrukturen. Da seien die Zuschauer, so Everdings Beobachtung, erstaunt, erschüttert, dass ihnen nicht nur ein farbiges Amusement vorgesetzt werde; sie würden nicht nur über die Qualität der Stimmen „tratschen“, sondern seien fasziniert von der Doppelbödigkeit und Subversivität, den christlichen Inhalten, der Modernität der Konflikte. Everding erinnert ausgerechnet an Bertolt Brecht, der von Orff eine Schauspielmusik zu Der kaukasische Kreidekreis haben wollte.
Um all das zu zeigen, wird auch Andechs mit seinen Festspielen den Kreis des Repertoires erweitern müssen: „Ich kann und will nicht an den populären Orff-Klassikern vorbei, aber mittelfristig will ich auch die Griechendramen spielen. Wir wollen das Publikum nicht erziehen, aber mehr Facetten an Orff zeigen“, sagt Everding. Das gilt auch für die Interpretation. „Gerade wenn wir ein Stück mehrere Jahre lang spielen, haben wir die Chance, ihm neue Seiten abzugewinnen“, betont Festspiel-Dirigent Christian von Gehren: „So sind die Tempi, die Orff selbst angibt, deutlich flüssiger als sie üblicherweise gespielt werden: Alles wirkt schlanker, weniger monumental oder sakral.“ Deswegen gibt es auch Abende, die Beziehungen aufzeigen sollen: „Orff & Jazz“ zum Beispiel mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer. Stücke von Bernstein oder Schostakowitsch zeigen das Orff/Jazz-Umfeld auf. Und Everding weiß auch die passende Anekdote dazu: dass Orff sich im Dritten Reich Jazz-Platten aus London einschmuggeln ließ.
Kein Staub auch auf der Besetzungsseite dieser Festspiele. Denn die Carmina burana werden vom „Orchester der Andechser Orff-Akademie des Münchner Rundfunkorchesters“ gespielt. 380 Anmeldungen hat es dafür gegeben, die Vorspiele wurden von Mitgliedern des Rundfunkorchesters abgenommen, gut 60 Musiker haben das fünfmonatige Stipendium bekommen: „Studenten aus ganz Europa“, betont Christian von Gehren, „eine Nachwuchsschmiede mit zunehmenden Anmeldezahlen. Daraus hätten wir vier Orchester zusammenstellen können.“ Daneben gibt es das „Orchester der Carl-Orff-Festspiele“ aus Musikern, die jeden Sommer wiederkommen.

Auf das Orff-Gen besinnen

Das ist Marcus Everdings Anliegen überhaupt: um Andechs, um Orffs Wohnhaus in Diessen herum die Orff-Aktivitäten zu bündeln. Dazu gehören die vielen Sponsoren, die Orff-Stiftung, das Münchner Orff-Zentrum, das Schulwerk. Sie alle sollen sich auf das „Orff-Gen“ besinnen. Dass auch das Publikum bei Orff, und nicht nur bei den Carmina mitzieht, steht für ihn außer Frage. Genauso dass Orffs Werke sich nicht für Regietheater-Dekonstruktions-Experimente eignet: „Ich will mit meinen Festspielen, dass die Leute erreicht werden. Nach der Vorstellung sollen sie in Andechs nicht zuerst ans Bier denken, sondern weiter diskutieren.“ (Uwe Mitsching)


Bis 28. Juli. www.carl-orff-festspiele.de

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